Laut Georg Gänswein liegen zwischen Rom und Karlsruhe zwei juristische Welten. Als Redner beim Jahresempfang der Kirchen für die obersten Gerichte in Karlsruhe warf der Kurienerzbischof der Bundesrepublik eine Abkehr von ihren christlichen Grundwerten vor.

Vor 180 Gästen lieferte er ein Stück Streitkultur, das nicht nur die Differenzen der römischen Kirche zur deutschen Gerichtsbarkeit verdeutlichte, sondern auch eine Kluft innerhalb der katholischen Kirche offenbarte. Klartext zu reden, dafür war Gänswein geladen. Es sind bekanntlich die Hardliner, die immer genau wissen, wo Gott wohnt.

Laut Freiburger Kirchenzeitung Konradsblatt betonte Stephan Burger noch schnell "die ausgewogene, kluge Konstruktion" des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat im deutschen Grundgesetz, bevor er an Gänswein übergab. Doch alle vorauseilenden Abfederungsversuche des Freiburger Erzbischofs halfen nichts. Gänswein würde seine Ansicht kaum teilen, wonach "die grundsätzliche Trennung beider Sphären, verbunden mit einem Modell freundschaftlicher Kooperation, ein Glücksfall" sei.

Glück? Das Bundesverfassungsgericht hat gerade den Weg zur gleichgeschlechtlichen Ehe frei gemacht, das Bundesarbeitsgericht unterzog das kirchliche Arbeitsrecht einer kritischen Prüfung. Spätestens beim Jüngsten Gericht müssen doch im Sinne Gänsweins solche Fehlentscheidungen kassiert werden!

Aber nicht erst mit Gänsweins Kritik der jüngsten Urteile zeigte sich das grundsätzlich unterschiedliche Rechtsverständnis zwischen Kirche und Staat. Nach seiner Lesart ist die Würde des Menschen nicht etwa eine Frucht des Humanismus, sondern sie rührt allein aus der Ebenbildlichkeit Gottes her, durch die er sich dem Menschen offenbarte. Daraus folgt, dass die Seele der deutschen Verfassung der jüdisch-christlich geprägten Kultur entstammen muss und nicht etwa "aus China oder Japan, nicht aus Indien, auch nicht aus dem Haus des Islam".

Es gilt der biblische Urtext, theologischer Kommentar sticht juristischen Kommentar. Georg Gänswein ging noch weiter und warf den obersten Richtern Zeitgeistaffinität vor: "Täusche ich mich mit der Feststellung, dass die Rechtsprechung in Deutschland fast immer und überall bejubelt wird, wenn sie Entscheidungen trifft, die eine Rücksichtnahme auf christliche Werte und christliche Moralvorstellungen minimalisiert, beseitigt oder ablehnt?" Was schwebt ihm vor? Sollen in allen Behörden und Klassenzimmern Kruzifixe hängen? Bereits Papst Benedikt XVI. brachte in seiner Bundestagsrede 2011 das Naturrecht gegen weltliches Recht in Stellung. Ohne Erfolg. Aber man kann es ja immer mal wieder versuchen.

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