Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. © Kulturrat der EKD

Glauben kann man nicht lernen. Das ist das hartnäckigste Gerücht über das Christentum. Glaube, das ist ein Wunder, eine religiöse Begabung oder – um ein Lieblingsbild der Theologie zu nehmen – ein Sprung ins Ungewisse. Das alles sind keine falschen Bilder, aber sie führen zu Missverständnissen. Wer sich nämlich nicht traut, ist selber schuld, wie die Zwölfjährige auf dem Fünfmeterbrett im Freibad. "Ist doch easy!", rufen die Freunde. Dabei steigt so nicht der Mut, sondern nur die Scham. Für wen dieses oder jenes am Christentum nicht geheuer ist, wer sich fremd fühlt in der religiösen Sprache oder in frommen Vorstellungswelten, kann bleiben, wo der Pfeffer wächst. In dem Maße, wie die Zugehörigkeit zu einer Kirche keine Selbstverständlichkeit ist, die von Generation zu Generation weitervererbt wird, stellt sich die Frage noch mal anders: Wie glauben lernen? Geht das überhaupt?

Der notorische Dauernörgler am Christentum, der Pastorensohn Friedrich Nietzsche, spottet: "Man soll ohne Vernunft, durch ein Wunder, in den Glauben hineingeworfen werden und in ihm wie in einem der hellsten und unzweideutigsten Elemente schwimmen." Was, wenn die, die auf dem Absprung sind, sich wenigstens erkundigen wollen, ob genug Wasser da ist, um sich nicht den Hals zu brechen? Was, wenn das nur von ferne Gehörte, das Vermutete oder auch das schon leidvoll Erfahrene Grund genug sind, stocksteif am Rand stehen zu bleiben? Wer unterstellt, dass ein Gott ist, geht über die Grenzen der Vernunft. Das heißt aber nicht, dass das Hirn abgeschaltet wird und Zweifel ein Zeichen von Schwäche sind.

Die Sprache des christlichen Glaubens muss man nicht pauken mit Schlüsselbegriffen auf Karteikarten, als ginge es ums große Latinum. Diese Sprache versucht ja nur, Gotteserfahrungen anderer Generationen in Worte zu fassen. Was religiös anrührt, existenziell trifft oder nur zu einem neuen Nachdenken über sich selbst und die Welt verhilft, lässt sich nicht lernen. Der Wow-Moment, wo alles ganz und gut ist, ist nicht planbar, so wenig wie die Liebe planbar ist. Wie Gott Menschen als der Gekreuzigte und Auferstandene erscheint – schon dieser Satz ist ebenso Wunder wie Zumutung an Herz und Intellekt –, das steht in keinem Handbuch. Trotzdem gibt es seit Anbeginn des Christentums einen Sinn dafür, dass sich der Glaube üben lässt.

Es geht nicht nur um Gänsehaut oder um 360-Grad-Wenden vom Unglauben zum Unglaublichen. Das kann auch passieren. Die neue Kolumne versucht sich an Lektionen des christlichen Glaubens. Immer wieder wurde so eine "Schule des Glaubens" angefragt. Mach mal was zu den Basics, hieß es immer wieder. Übung ist das Gegenteil von Überwältigung. Dranbleiben, langer Atem, der Kitzel, es genauer wissen zu wollen, für ein paar Minuten nur, aber regelmäßig.

Wozu noch diese ganzen Bekenntnisse, die auswendig gelernten Gebete, diese seltsamen Bilder von Königen und Hirten? So spricht doch keiner.

Wo unterscheidet sich das Christentum von anderen Perspektiven auf die Welt? Was fehlt, wenn nicht mehr vom Kreuz die Rede ist? Würde Jesus heute Filme drehen? Was bleibt von den alten schweren Worten? Gnade, Reue, Gericht, Liebe und Barmherzigkeit? Welche Geschichten der Bibel müssten mal neu erzählt werden? Was unterscheidet ein Gebet vom Selbstgespräch? Sie können die Lektionen selbst bestimmen. Was finden Sie rätselhaft am Christentum? Was provoziert Sie? Welcher Gedanke beunruhigt Sie? Schreiben Sie mir: redaktion@christundwelt.de.