Es ist das Dilemma unserer Zeit: Während Klimawandel, Handels- und Wirtschaftsfragen, Migration und andere Herausforderungen globaler Vereinbarungen bedürfen, sind gleichzeitig das Pariser Klimaabkommen, die Regeln der Welthandelsorganisation und weitere globale Allianzen gefährdet. Was müssen also die G20-Länder jetzt tun? Die Riesen unter ihnen befinden sich in Handelskonflikten. Diese lassen ahnen, wie ein Zeitalter des wiederkehrenden Nationalismus aussehen könnte, mit schlimmen Folgen für alle.

Die scheinbar unumkehrbare Logik dieser Konflikte lässt sich am Beispiel der aktuellen Handelsstreitigkeiten verfolgen: Ein Land nutzt Zölle oder deren Androhung, um wirtschaftliche und politische Ziele durchzusetzen. Die davon betroffenen Länder antworten ihrerseits mit Zöllen und Handelsbarrieren. Diese Dramaturgie führt unweigerlich zu Nachteilen für alle, weil etwas Entscheidendes bei der Eskalationsspirale übersehen wird: Die globale Wertschöpfung ist mit einer Fabrik zu vergleichen, in der die Güter arbeitsteilig und Hand in Hand produziert werden. Ein Automodell wird konzipiert, Materialien werden vorbereitet, die Karosserie wird gebaut, die Elektronik verarbeitet, die Innenausstattung gefertigt, schließlich bekommt das Neufahrzeug mit der Lackierung seine Farbe – meistens geschieht alles in verschiedenen Ländern.

Wenn aber innerhalb dieser weltweiten Fabrik ein Bürgerkrieg ausbricht, in dem Lackierer, Elektriker und andere Beschäftigte sich bekämpfen, kommt die Produktion zum Erliegen. Die Konflikte über Handel, digitale Plattformen und Klimaziele müssen in dieser Weise verstanden werden. Die aktuell nach unten korrigierten Wachstumsprognosen sind ein sichtbares Zeichen für den resultierenden Schaden, von dem immer mehr Menschen in der Welt betroffen sind.

Aber anders als im klassischen Dilemma gibt es einen Ausweg. Es gilt, dem Gegenseitigkeits-Instinkt entgegenzutreten. Das ist eine ambitionierte Aufgabe für die politischen Akteure, die unter großem öffentlichen Druck stehen. Denn es bedeutet zum Beispiel, dass ein Wirtschaftsraum, gegen den Zölle erhoben werden, in gleicher Höhe die eigenen Zölle und Handelsbarrieren senkt. Wenn die USA also gegen die EU Zölle in der Größenordnung von zehn Milliarden Euro verhängen, sollte die EU Zollbarrieren in gleicher Größenordnung senken. Es wäre das Gegenteil von Auge um Auge.

Was wäre der Effekt? Zunächst: Aus globaler Sicht wird die eine Handelsbeschränkung durch eine andere Handelserleichterung neutralisiert. Gleichzeitig erschwert das Land mit den neuen Handelsbeschränkungen seine Einbindung in die globalen Wertschöpfungsketten, während die Region mit den Handelserleichterungen seine eigene Wirtschaftsregion belebt. Ja, so paradox das auch klingen mag: Die Region, gegen die Zölle verhängt werden, kann am Ende besonders profitieren, wenn sie klug darauf reagiert.

Von den politischen Akteuren, die eine solche Entscheidung treffen müssten, erfordert das Mut und große kommunikative Leistungen. Trotzdem bleibt diese Empfehlung richtig. Die gegenteilige Entscheidung, weiter an der Eskalationsschraube zu drehen, wird dagegen Konflikte nicht nachhaltig lösen.

Dabei mögen drei Überlegungen helfen, diesen Weg innenpolitisch durchzusetzen:

Es gilt erstens Abschied von der Schwarz-Weiß-Logik zu nehmen. Auch wenn wir mit einem me first-Handeln konfrontiert werden, darf die Antwort keine eigene me first-Rhetorik sein. Vielleicht weist der andere ja sogar auf einen berechtigten Punkt hin, auch wenn uns sein Stil und seine Entscheidungen nicht gefallen. Dagegen ist unbestreitbar, dass die Unbarmherzigkeit der vorgetragenen Positionen, wie sie leider vielfach in den sozialen Medien vorherrscht, keine kluge Strategie für internationale Beziehungen ist.