1 Das sind die bisherigen Hitzerekorde in Deutschland

Noch nie wurde an einem Junitag in Deutschland eine Temperatur von 40 Grad Celsius oder höher aufgezeichnet. Jedenfalls nicht im Schatten, in Bodennähe, an einer amtlichen Messstation. Dabei wird seit der Jahrhundertmitte unentwegt gemessen, an einigen Orten reicht die Celsius-Zeitreihe gar bis in die 1870er-Jahre zurück. So wie in Frankfurt am Main, wo das Thermometer am 27. Juni 1947 exakt 38,2 Grad im Schatten zeigte. Gar 38,5 Grad waren es am selben Tag in Bühlertal. Dieser Wert aus der Nachkriegszeit stand in der 2018er-Fassung der Hitliste, die der Deutsche Wetterdienst (DWD) jedes Jahr aktualisiert, auf dem ersten Platz für die höchste je verzeichnete Juni-Temperatur.

Noch größere Hitze, gar jenseits der 40er-Marke, gehört in Deutschland historisch betrachtet klar in den Hochsommer. Alle absoluten Rekorde, die an Stationen des DWD gemessen worden sind, fielen auf den Juli und August. Der Spitzenreiter stammt aus dem Jahr 2015: Kitzingen in Mainfranken, 40,3 Grad Celsius.

Quelle: DWD, UFZ © ZEIT-Grafik

Örtliche Höchstwerte mögen schlagzeilenträchtig sein. Das bessere Maß aber ist die durchschnittliche Temperatur des ganzen Monats über das gesamte Bundesgebiet gerechnet, sozusagen ein doppelter Mittelwert. Und obwohl die letzten Messungen noch ausstehen, erwarten die Meteorologen für 2019 auch hier einen Ausreißer. "Wir rechnen damit, dass dieser Juni der zweitwärmste wird seit Beginn der Messungen im Jahr 1818", sagt Andreas Friedrich vom DWD in Offenbach. "Der wärmste war der Juni 2003 mit 19,4 Grad Celsius. Der Juni 2019 liegt momentan so bei 19 Grad, da werden die nächsten Tage entscheidend sein."

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2 Diese Spuren hinterlässt die Hitze in der Sterbestatistik

Sommerhitze kann tödlich sein. Das ließ sich gerade in Indien beobachten, als dort Anfang Juni Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius herrschten. Auch in Deutschland registrieren Medizin-Statistiker die Folgen besonders heißer Sommer. In durchschnittlich warmen Jahren verzeichnen die Epidemiologen des zuständigen Robert Koch-Instituts (RKI) rund 1000 hitzebedingte Todesfälle. In den besonders heißen Jahren 2003, 2006, 2010, 2013 und 2015 waren es bis zu sechsmal so viele. Und auch im vergangenen Jahr starben deutlich mehr Menschen als gewöhnlich, wie RKI-Zahlen aus Berlin und Hessen belegen.

Zweierlei Muster zeigt die Statistik: Erstens, je länger eine Hitzeperiode andauert, desto stärker steigt die Zahl der zusätzlichen Todesfälle. Zweitens sind die Betroffenen zahlenmäßig ungleich über die Altersgruppen verteilt. Beispiel Berlin, hier traf die hitzebedingte Sterblichkeit im vergangenen Jahr durchschnittlich 13 von 100.000 Einwohnern, während in der Altersgruppe der über 85-Jährigen 320 von 100.000 starben – also 25-mal so viele.

Als im Extremjahr 2003 europaweit 70.000 Menschen infolge der Hitze starben, konnten die Statistiker eindeutig sehen: Es waren viele darunter, die allein lebten, die alt waren und die bereits an mehreren Krankheiten litten. Und als im April dieses Jahres die Fachzeitschrift The Lancet einen Report zur weltweiten Gefahr durch Hitzewellen veröffentlichte, enthielt dieser die irritierende Botschaft: "Europa und die Region des östlichen Mittelmeers sind gefährdeter als Afrika und Südostasien, weil hier mehr alte Menschen in großen Städten leben."

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3 So fällt der Vergleich mit der Dürre des vergangenen Jahres aus

Kennzeichnend für 2018 waren nicht so sehr die früh einsetzenden und lange anhaltenden Sommertemperaturen als vielmehr die Dürre – ein Monate währender Mangel an Niederschlag, der sich schon lange vor dem Sommeranfang abzeichnete. In weiten Teilen Deutschlands hat es im vergangenen Jahr bis in den Dezember hinein kaum oder gar nicht geregnet. Bis heute haben sich vor allem die tieferen Bodenschichten nicht davon erholt. "So schlimm wie vergangenes Jahr wird die Dürre in diesem Sommer aber nicht werden", sagt Andreas Marx, Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am Umweltforschungszentrum Leipzig.

Trockenheit im Vergleich

Quelle: DWD, UFZ © Zeit-Grafik

Für Marx’ "Dürremonitor" werden täglich auf Basis des aktuellen Wetters Werte für die Bodenfeuchte in ganz Deutschland errechnet. Sie zeigen: Während Ende Juni 2018 bereits drei Viertel des deutschen Bodens von Dürre betroffen waren, ist es kurz vor Ende Juni 2019 weniger als die Hälfte. Außerdem ist die Trockenheit selbst in diesen Gebieten weniger ausgeprägt. Extremer Wassermangel herrscht derzeit nur in drei Bundesländern: in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen – und auch dort nur in einzelnen Landkreisen. "2018 war praktisch ganz Deutschland betroffen", sagt Marx, "und die Trockenheit hat über die gesamte Vegetationsperiode angedauert."

Starke Gewitter, wie sie das Hitzewetter hervorbringt, ändern an der regionalen Trockenheit übrigens nichts. "Selbst wenn dabei Straßen überflutet werden, dringt das Wasser nur einen Zentimeter tief in den Boden ein", sagt Marx. Hingegen steigt die Verdunstung exponentiell mit der Lufttemperatur. Schon bei 30 Grad Celsius gehen pro Quadratmeter fünf Liter am Tag verloren.

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4 Das ist die Großwetterlage, und diese Rolle spielt der Klimawandel

Die Herkunft der Hitze ist klar: die marokkanische und algerische Sahara. Auch was die extreme Wärme herbringt, weiß man. Es ist ein Tiefdruckgebiet über dem Atlantik, westlich der Iberischen Halbinsel, das sich kaum vorwärtsbewegt, aber die heißen Luftmassen aus dem Süden ansaugt und an seiner Ostseite vorbei nach Europa lenkt. Vor allem nach Spanien und Frankreich, aber eben auch in die Beneluxstaaten und nach Deutschland. Klar ist zudem, dass für die langsame Fortbewegung eine Anomalie in der Höhenströmung, die den Globus umspannt, verantwortlich ist. Schlägt dieser Jetstream größere Schleifen als normalerweise, wird gar eine dieser Schleifen vom restlichen Strom abgeschnitten, erscheinen Druckgebiete, die in tieferen Atmosphärenschichten liegen, oft wie zementiert. Die Meteorologen nennen das "Blockadewetterlage".

Hitzewellen über Mitteleuropa

Quelle: DWD, UFZ © ZEIT-Grafik

Ende April haben Forscher um Kai Kornhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in der Fachzeitschrift Environmental Research Letters ihre Analyse des Frühsommers 2018 veröffentlicht. Ein bestimmtes Muster mit sieben Wellen im Jetstream habe Europa die Hitzewelle gebracht. "Dieses Muster wurde ebenfalls während der europäischen Hitzewellen 2003, 2006 und 2015 beobachtet", schreiben die Autoren. Andere Fachleute sind skeptisch. Als das unabhängige Science Media Center zu Wochenbeginn sechs Experten zu diesem Zusammenhang befragte, waren deren Aussagen überwiegend zurückhaltend.

Die Frage ist nicht bloß für Fachdebatten relevant. Denn gleichzeitig wird diskutiert, wie die besonders starke Erwärmung der Arktis den Jetstream beeinflusst. Hinter diesem Zusammenhang soll der Mechanismus stecken, der Blockadewetterlagen ursächlich mit dem Klimawandel verbindet. Das aktuelle Wetter passt da ins Bild. Aber Plausibilität ist keine Kausalität. Und um eine gesicherte statistische Aussage ("durch den Klimawandel um soundso viel Prozent wahrscheinlicher") machen zu können, müssten Forscher eine sogenannte Attributionsstudie durchführen: Dazu wäre es unerlässlich, das aktuelle Wetter mit einem digitalen Modell derselben Wetterlage in einer Welt ohne globale Erwärmung durchzurechnen. Eine solche Berechnung gibt es jedoch für den Juni 2019 noch nicht.

Klar ist aber wiederum, dass auch jede Hitzewelle durch die steigende globale Mitteltemperatur genährt wird, man kann sie sozusagen draufrechnen. So sagt etwa Christian Franzke, Klimaforscher von der Universität Hamburg: "In Deutschland haben wir einen Temperaturanstieg von ungefähr 1,5 Grad der Jahresmitteltemperatur seit 1881. Eine Intensivierung von Hitzewellen ist konsistent mit unserem Verständnis des Klimawandels."

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5 Besonders Ältere sind in Gefahr – aber man kann etwas für sie tun

Lässt die Hitze die Kerntemperatur des Körpers ansteigen, dann gilt für den Organismus eine einfache Faustregel: Schon bei knapp einem Grad Celsius mehr nimmt der Blutfluss erheblich zu. Statt fünf muss das Herz dann mehr als acht Liter pro Minute durch den Körper wälzen. Die Hitze wird dann über die Haut und durchs Schwitzen abgegeben. Das ist die Klimaanlage des gesunden Körpers.

Fehlt es dem Körper aber an Flüssigkeit (oder ist das Herz zu schwach), kann die Wärme nicht mehr abtransportiert werden. Dann beginnt der Teufelskreis der Überhitzung. Das betrifft nicht bloß Senioren. In einer dänischen Studie zeigte sich in fünf europäischen Staaten, dass sieben von zehn Arbeitern nicht genügend Wasser trinken.

Häufige Todesursachen an heißen Tagen sind Nierenversagen und Herzinfarkt, beides wird vor allem durch Austrocknung begünstigt. Und die Ältesten sind besonders gefährdet. Denn jeder vierte über 85-Jährige trinkt weniger als einen Liter am Tag. Steigt die Außentemperatur an mehr als drei Tagen hintereinander auf mehr als 32 Grad Celsius, können ihre geschwächten Körper den Wassermangel nicht mehr kompensieren, die Klimaanlage des Körpers streikt.

Von "Thermoregulation" spricht der Mediziner. Weil diese auch von Parkinson-Medikamenten und Betablockern gestört werden kann und weil entwässernde Mittel die Flüssigkeitsbalance aus dem Lot bringen, sollte der Hausarzt erwägen, die Medikamentenliste aufs Nötigste zu kürzen.

Auch Laien können leicht erste Hinweise auf Austrocknung erkennen: Eine verringerte Aufmerksamkeitsspanne, eine trockene Zunge, seltener Harndrang, niedriger Blutdruck und erhöhte Sturzneigung gehören dazu. Und dann ist da der berühmte Test mit der Hautfalte am Unterarm. Bleibt die für einen Moment stehen, nachdem man sie angehoben hat, heißt es: dringend trinken! Mindestens 30 Milliliter Wasser pro Kilogramm Körpergewicht sind am Tag nötig (also fast 2,5 Liter bei 80 Kilogramm) – bei Hitze auch mehr. Leichte Kleidung, häufigeres Duschen, kein Alkohol, das ist dann für jeden gut, nicht nur für Senioren.

Diese gilt es aber an heißen Tagen besonders im Blick zu behalten. Eine aktuelle Analyse aus den USA zeigt, dass Menschen im kühleren Norden empfindlicher auf Hitzeperioden reagieren und deshalb früher gewarnt werden sollten. Die Schweiz führte erfolgreich Hitzeaktionspläne ein, die Bevölkerung wird frühzeitig aufgeklärt. Nach dem Buddy-Prinzip erklären sich Nachbarn und Bekannte, aber auch Fremde bereit, bei Senioren vorbeizuschauen. Klingt banal? Wirkt aber. Forscher konnten in den Regionen mit Aktionsplan einen Rückgang der hitzebedingten Sterblichkeit feststellen.

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6 Wieder sind überdurchschnittlich viele Waldbrände zu erwarten

Wie schon das Jahr 2018, das wesentlich mehr Feueralarme brachte als im langjährigen Durchschnitt, wird auch 2019 mit außergewöhnlich vielen Waldbränden in die Statistik eingehen. So viel ist bereits sicher. Auch diesmal ist wieder Brandenburg das gefährdetste Bundesland. Fast die Hälfte aller Waldbrände in Deutschland bricht dort aus. 2018 wurden in Brandenburg mehr als 500 Feuer dokumentiert, 1674 Hektar waren betroffen. Zum Vergleich: Langfristig liegt die durchschnittliche Brandfläche pro Jahr für ganz Deutschland bei 505 Hektar.

Seit Jahresbeginn zählte man in Brandenburg erneut fast 200 Brände auf 885 Hektar – wobei ein einziges Feuer den größten Anteil hat: Anfang Juni brannten 70 Kilometer südlich von Berlin eine Woche lang 744 Hektar auf dem früheren Truppenübungsplatz bei Jüterbog. Die Rauchfahnen waren sogar auf Satellitenbildern zu sehen und machten sich noch im Berliner Westen als unangenehmer Gestank bemerkbar. Am Ende wurde das Feuer von kräftigem Regen gelöscht.

Ausgetrocknete Böden bei niedriger Luftfeuchtigkeit, das erhöht die Gefahr. Und weil die Brandenburger Böden nach der Dürre des vergangenen Jahres bis in große Tiefe noch immer viel zu trocken sind, springt die Waldbrandwarnung nach einem Dauerregen schnell von der niedrigsten zurück auf die höchste Stufe: Die Verdunstung von ein, zwei heißen Tagen reicht aus, um die Böden wieder auszutrocknen.

Bedrohen die Brände den Bestand? Kaum. Bundesweit brennen im Schnitt pro Jahr 0,004 Prozent der Waldfläche. Meist werden die Bäume durch Bodenfeuer kurzfristig geschädigt, schlagen im Folgejahr aber wieder aus. Die Ökologie des Waldes kann vom Feuer sogar profitieren. Verkohlte Böden sind nämlich besonders fruchtbar. In Brandenburg nutzt man sie, um aus Kiefernmonokulturen Mischwälder zu machen. Eine Wiederaufforstung mit Kiefern wird grundsätzlich nicht mehr aus öffentlichen Mitteln gefördert. Denn Mischwald ist deutlich robuster – gegenüber Dürre, Schädlingsbefall und Bränden.

Rekordtemperaturen

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7 Die Regenmenge stimmt. Das ist gut für Trinkwasser und Schifffahrt

Die Talsperren im Harz und im Sauerland liegen nach dem Dürrejahr 2018 bereits wieder auf normalem Niveau. Es steht gut um Deutschlands Trinkwasserreserven. Auch die Pegel der Bundeswasserstraßen haben sich vollständig normalisiert. Das gilt sogar für die Elbe. Im vergangenen Jahr musste die Schifffahrt dort ab August fast vollständig eingestellt werden. "In diesem Jahr ist keine außergewöhnliche Niedrigwassersituation zu erkennen", sagt Claudia Thoma von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes. Zwar ist der Frachtverkehr eingeschränkt, doch das sei in dieser Jahreszeit üblich.

Auch auf Anfrage beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft heißt es: Temperatur und Sauerstoffgehalt der Flüsse sind normal, kein Problem also für die Kraftwerke, die auf Flusswasser zur Kühlung angewiesen sind. – Aufs Wasser bezogen ist die Lage zu Beginn des Sommers also unauffällig.

Der Rückblick auf die vergangenen Monate zeigt: Der Winter war etwas feuchter als normal, die Niederschläge des Frühjahrs lagen fast genau im langjährigen Mittel. Und mag der Juni auch deutlich trockener sein, er folgt auf einen kühlen, feuchten Mai. Dieser war der erste Monat seit dem März 2018, der unter dem Temperaturdurchschnitt des Vergleichszeitraums (nämlich 1961 bis 1990) lag, in den Worten der Wetterstatistiker: "nach 13 Monaten in Folge erstmals zu kühl".

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