Kraftlos ist sie geworden, die Philosophie, sie findet keinen Anschluss mehr an unsere Erfahrung und hockt in der "trostlosen Wüste" halbtoter Begriffe. Wie weit ist doch der Weg zwischen Philosophie und Leben!

Georg Büchner war es, der 1836 in seiner Zürcher Probevorlesung über die akademische Weltfremdheit Klage führte. Heute, in den Zeiten der professionalisierten Philosophie, hört man die Beschwerde besonders laut, und auch das Denken von Jürgen Habermas zieht sie immer wieder auf sich. "Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit" hieß der Evergreen, den er am Tag nach seinem 90. Geburtstag für seinen Frankfurter Vortrag ausgesucht hatte. Auf den ersten Blick viel komplexer Stoff für akademische Fachkräfte und wieder nichts aus dem Leben.

Gut 3000 Studierende wollten Habermas trotzdem hören, doch weil nicht alle Platz fanden, war für einen Enttäuschten die Grenze des Diskurses erreicht. Er löste Feueralarm aus, und zwar ironischerweise an der Stelle, an der Habermas seinem Publikum erklärte, dass wir Immanuel Kant eine bahnbrechende Innovation verdanken: nämlich den Begriff der moralischen Autonomie. Die Hörsäle wurden geräumt, und als es weiterging, zitierte Habermas Hegel, der bekanntlich weniger begeistert von Kant war und fand, dessen autonome Person gleiche eher einem Gerippe, das abstrakt und weltlos vor sich hin klappere. In Wirklichkeit sei jeder Mensch und jede Moralität eingebettet in bewährte Gewohnheiten, in die gewachsene Sittlichkeit seiner kulturellen Herkunftsmächte.

Habermas gab Hegel recht – und widersprach ihm. Hegel schütte das Kind mit dem Bade aus; er würge die moralische Kritik des Einzelnen ab und zwinge ihn zum Kotau vor dem staatlich verkörperten Weltgeist, ohne die Möglichkeit zum Protest "im Namen politischer Gerechtigkeit". Schließlich gewährte Habermas dem alten Haudegen Karl Marx einen Auftritt. So fehlerhaft seine späteren Analysen auch gewesen seien – Marx habe gezeigt, dass das reine Herz von Hegels Sittlichkeit durchzogen sei von brutalen Klassenstrukturen, von Machtinteressen, verschleierter Gewalt, eben von: Ideologie.

Die knappe Skizze war brillant und auf einschüchternde Weise suggestiv. Doch damit endete der Part des Philosophen, und es begann die Intervention des Intellektuellen. Habermas will aus allen drei Philosophen, aus Kant, Hegel und Marx, Funken für die Gegenwart schlagen, und diese Gegenwart besteht in seinen Augen aus einem deregulierten Kapitalismus, dem Aufstieg autoritärer Nationalisten sowie aus aufwühlenden Identitäts- und Kulturkämpfen, dem Konflikt zwischen protestierender "Moralität" und bewahrender "Sittlichkeit". Kulturelle Konflikte, glaubt Habermas, könnten nur durch eine gemeinsame politische Kultur entschärft werden; zugleich aber seien sie ein Symptom dafür, dass der alte Nationalstaat mit den neuen Problemen überfordert sei.

Was tun? Zunächst einmal müssten sich die "nationalen Öffentlichkeiten füreinander öffnen", um grenzüberschreitend über drängende Probleme zu streiten. Wenn es gut geht, so lautet Habermas’ optimistische Pointe, dann trennt sie der Streit nicht, sondern macht den europäischen Völkern "die gemeinsamen Wurzeln ihrer politischen Kultur erst bewusst".

Ist die Welt nicht uneinholbar komplex für solche Ideen? Für Habermas ist der Hinweis auf die "Komplexität" moderner Gesellschaften zur faulen ideologischen Ausrede geworden, zu einer Art Selbstentwaffnung politischer Eliten, die den Mut zur gestaltenden Politik verloren hätten. Anstatt alles dafür zu tun, die transnationale Zusammenarbeit zu vertiefen, beugten sie sich einer "abstrakt beschworenen Wettbewerbsfähigkeit" und damit dem Trend wachsender Ungleichheit.

Habermas spricht ausdrücklich "im Irrealis", er weiß: Die Verhältnisse sind nicht so, das europäische Projekt tritt auf der Stelle. Deshalb bleibe nur das Vertrauen in den "Maulwurf der Vernunft", der unter einem Berg von Problemen nach Antworten sucht, ohne zu wissen, ob er welche finden wird. Im Gehäuse des abgeschlossenen Nationalstaates findet er sie jedenfalls nicht.

Doch was ermutigt den Maulwurf? Warum soll er an die Vernünftigkeit seiner säkularen Vernunft glauben? Auf Gott kann er sich nicht mehr verlassen, aber auf sich selbst offenbar auch nicht, denn zu oft schon hat die Vernunft ihre Irrtumsanfälligkeit unter Beweis gestellt. Welche Gedankenfigur Habermas ins Spiel bringt, damit die Vernunft nicht an sich selbst irre wird, zeigte dann eine Konferenz, die das Exzellenzcluster Normative Orders zu seinen Ehren auf die Beine gestellt hatte. Für Habermas wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Zivilisation an ihre Lernprozesse erinnert, pathetisch gesagt: an die Bildungsgeschichte des Geistes in der Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissen. Möglich, dass eine mit sich selbst überworfene Zivilisation im Nebel der Kämpfe dann ihre gemeinsamen Wurzeln entdeckt, das kollektive Interesse an Vernunft und Selbsterhaltung. Ist das weit weg vom Leben? Nein, es ist mittendrin.