Erik Flügge, 32, ist katholisch, Bestsellerautor und politischer Berater. Hier beschreibt er seine Kirche von außen – im Wechsel mit der Pfarrerin Hanna Jacobs. © Ruprecht Stempell

"Was für ein blasphemischer Mist", "Jesus schämt sich", "Wenn einen die Dummheit regelrecht anspringt". All diese Kommentare und noch sehr viele mehr davon stammen von evangelischen Männern. Sie sind allesamt Antworten auf Twitter an Pfarrerin Hanna Jacobs. Was hat meine Ko-Kolumnistin denn jetzt schon wieder angestellt?

Eigentlich ist es ganz lustig. Durch hysterische Einlassungen von rechtskonservativen Christen zu einem Workshop auf dem Kirchentag wurde sie auf dieses Angebot überhaupt erst aufmerksam. Wer blättert denn sonst schon das gesamte Programm durch inklusive aller kleinen Workshops? Offenbar nur, wer etwas sucht, worüber man sich empören kann. Der Workshop hieß "Vulva malen", war nur für Frauen geöffnet und Teil des nichtreligiösen Programms des Kirchentages. Hanna Jacobs ging hin und war positiv überrascht.

Ein fundierter Workshop nur für Frauen, um das zu leisten, was der oft beschämt über das weibliche Geschlechtsorgan schnell hinweggehende Biologieunterricht nicht leistet: die physische Funktion des eigenen Geschlechts besser zu verstehen. Das Ergebnis: ein gemaltes Bild von einer Vulva, das Hanna Jacobs fröhlich twitterte. Die Reaktion war heftig, aggressiv und bösartig.

Sprich, genau eine solche Form der Kommunikation, von der der Bundespräsident beim Kirchentag gesagt hatte, dass sie die Gesellschaft zerstöre. Nur dieses Mal kam sie eben nicht von politisch Radikalen, sondern von religiös Prüden.

Warum also die Hysterie? Der einzige Grund, warum Männer den Workshop und die Teilnehmerinnen mit Hass überschütten, ist, weil sie sich weigern, auch nur eine Sekunde nachzudenken, bevor sie brüllen. Sie lesen die Worte "Kirchentag", "Vulva" und "Pastorin" und vermengen im Kopf alles zur skandalösen Gleichzeitigkeit.

Als hätte Hanna Jacobs mitten im Gottesdienst ihr Intimstes entblößt. Dabei ist das einzig Entblößte der so tief in manchen Männern gelagerte Wunsch, Herrschaft über weibliche Sexualität auszuüben.

Freiheit von Frauen macht nur Männern Angst. Warum sollte eine evangelische Pastorin sich nicht über ihren Körper informieren? Noch dazu in einer Kirche, in der die Pfarrerinnen vor Ort ständig von konservativen Senioren angesprochen werden, wann sie endlich Kinder bekommen.

Ich erkläre es euch gerne, liebe prüde Christen: Auch Pfarrerinnen haben Sex, bevor sie schwanger werden, und im besten Falle großen Spaß dabei.

Gott hat den Mensch nackt geschaffen mit Vulva oder Penis und manchmal sogar mit beidem. Vielleicht lasst ihr das nächste Mal das Licht an beim Akt, statt euch zu schämen für das, was ihr seid: Geschöpfe Gottes mit Geschlechtsorganen und Sexualtrieben. Denn wenn das Christentum nicht endlich lernt, ein gesundes Verhältnis zum Thema Sexualität zu entwickeln, dann ist das Erbe nicht Anstand, sondern der nächste Skandal.