Schreibende sind Gladiatoren. Jeden Sommer schnüren die Auserwählten ihre Schuhe und ziehen los, in die Arena am See, weil die Lupinen und die Träume leuchten. Nach Klagenfurt. Ingeborg Bachmann entgegen und dem kurzen oder dem langen Ruhm. Den Texten entgegen, die sperrig im Magen liegen bleiben oder butterweich in die Seele oder in die Vergessenheit gleiten. In diesen Tagen findet das Wettlesen um den Bachmann-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur bereits zum 43. Mal statt, und wieder stellen sich 14 Autorinnen und Autoren dem Verdikt der Jury, das launig, verletzend oder auch überschwänglich ausfallen kann.

Das Tröstliche bei den geschriebenen Dingen ist es, dass der Literaturbetrieb nach dem Bad im See und in der Menge der Zuhörer wieder abzieht aus Klagenfurt und alles so ist, wie es schon immer war. Gerade der Bachmann-Preis entwickelt ein widersprüchliches Momentum, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Geht es hier um die hehren Höhen der Erkenntnis – oder um die ausreichende Auslastung? Um die schnelle Schlagzeile? Um die Entdeckung ungeschliffener Diamanten? Oder sucht man nur den nächsten deutschsprachigen Superstar, bis zum nächsten Jahr?

Der Bachmann-Preis bespielt mehrere Ebenen: Fernsehen, Auftritt vor Publikum und ein hundertfaches Echo in den sozialen Medien. Der Bachmann-Preis, raunen einige, sei eine angesehene Institution. Ein in die Jahre gekommenes Format, winken andere wieder ab. Ach, es ist vermutlich beides in unterschiedlichen Anteilen. In Spuren kann Liebe, in Spuren kann Verachtung enthalten sein. Ein Himmelfahrtskommando für die Wagemutigen. Und die Chance, in den Olymp der Schreibenden aufsteigen zu dürfen, allerdings nicht, ohne zuvor gekreuzigt worden zu sein. So ein Avancement hat seinen Preis. Es ist eine Mutprobe, vergleichbar mit dem Verschlingen von Regenwürmern, wenn man endlich zu der Bande der öffentlichkeitswirksamen Autoren dazugehören will. Natürlich wird es immer auch jenes Lager geben, das skeptisch am Rande steht und das Verspeisen der Wirbellosen verurteilt. Das gehört dazu. Das Pro und Kontra in diesem literarischen Wettkampf will bedient werden.

Das vor Tausenden Augen zelebrierte Risiko macht die Tage der deutschsprachigen Literatur aus. Wer hier eintreten will, sollte alle Hoffnung fahren lassen. Das macht geschmeidiger im Auftritt und erspart Enttäuschungen. Die Hölle: Das sind immer die anderen. Vor allem wenn sie den begehrten Preis heimbringen. Eine Methode, dem beizukommen, ist, so zu tun, als wäre es einem völlig gleichgültig, wie die Schlacht der Worte endet. Jahr für Jahr wird diese Attitüde immer wieder praktiziert, doch in seltensten Fällen ist sie glaubwürdig. Wer tut sich das denn wirklich an, wenn es eigentlich bedeutungslos wäre?

Die totale Kurzzeitentblößung, das Schweigen, zu dem man verdammt ist, nachdem man fertig gelesen hat und die Jury ihre Arbeit beginnt, vergleichbar nur noch mit der Sitzung beim Zahnarzt, der zwar unsägliche Anspannung in jenen, die ihm ausgeliefert sind, verursacht, den man aber besser nicht anreden sollte, wenn er sich im Mund zu schaffen macht?

Natürlich gibt es für so gut wie jede Person, die hier antritt, einen Grund, sich auszuliefern. Die Gründe sind nicht immer gleich. Manche wollen erkannt werden. Andere entdeckt. Dritte geliebt. Manche treibt die Lust an der Provokation. Manche sind jung oder alt und brauchen einfach das Geld. Ältere Teilnehmende sind übrigens eher selten. Das ist schade. Literatur ist kein Hochleistungssport, den man unbedingt in jungen Jahren begonnen haben muss, um darin zu reüssieren. Das unterscheidet die Schreibenden von Akrobaten. Das Seil über dem Abgrund, das man bewältigen muss, ist ein Seil anderer Art. Und man balanciert darauf meist mit Hoffnung und Wut und Schrecken.

Es ist schwer, diese verdammte Hoffnung fahren zu lassen.