Die bislang heißeste Woche des Jahres – natürlich sprechen jetzt alle über die Temperaturen, über die Hitzewelle, über das Gefühl, dass der Hochsommer in den Juni vorgerückt ist. Und jeder spürt, wo überall am Körper Schweißdrüsen sitzen. Sommerwetter eben. Aber nicht nur. Ebenso natürlich spricht man im Jahr 2019 über den Klimawandel. Zwar wäre die Hitze dieser Woche auch ohne globale Erwärmung möglich. Da diese solches Wetter aber häufiger und heftiger macht, spricht man über Erlebtes und Kommendes zugleich: Ganz schön heiß. Soll es ja jetzt immer öfter geben. Wie das nur werden soll ... – Alles nur sommerlich erhitztes Gerede? So viel kann man sagen: Wenn extremes Wetter immer auch die Rolle des Vorboten spielt, dann war es nie so politisch wie jetzt, übers Wetter zu reden.

Erinnerungen an den vergangenen Sommer drängen sich auf, als schönstes Sonnenwetter und eine monatelange Dürre zusammenfielen. Am Ende brannten die Wälder, die Flüsse führten zu wenig Wasser, in einigen Regionen verdorrte die Ernte. All das, während die globalen Emissionen weiter anstiegen.

Würde ohne den vergangenen Sommer heute so über den Klimawandel gesprochen, wie gerade darüber gesprochen wird? Über die "Klimakrise" nämlich. Wandel, das ist abstrakt, etwas Neutrales. Krise, das ist konkret und bedrohlich.

Nie war es so politisch wie jetzt, übers Wetter zu reden

Wie selbstverständlich führen die Demonstranten von "Fridays for Future" das Wort im Mund. Krise, das heißt: etwas Abstraktes, gegen das viel zu lange kein ausreichender politischer Wille zu mobilisieren war, zu benennen als etwas Akutes. Etwas, das nach sofortiger Reaktion verlangt, nicht nach Absichten für irgendwann.

Jene Dürre des vergangenen Sommers und die andauernden, freitäglichen, bundesweiten, zehntausendköpfigen Schülerdemonstrationen des ersten Halbjahres – sie haben womöglich das Gespräch über Klimaschutz in der Gesellschaft stärker verändert als alle Appelle und Expertisen zusammen.

Die entscheidende Frage lautet jetzt: Verändert sich auch die Politik? Selbstverständlich fällt es leicht, Gegenargumente aufzuzählen. Aber es gibt in diesem Sommer eben auch Anzeichen für einen politischen Klimawandel: Wenn CSU-Chef Markus Söder plötzlich bis 2030, also früher als eigentlich verabredet, den Kohleausstieg will. Wenn die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer betont: "dass unsere Erde an ihre Grenzen gerät", und sie demonstrativ dem Raubbau an der Zukunft abschwört. Daran kann man sie messen, schon im September. Dann legt das Klimakabinett seine Ergebnisse vor, dann soll der Kohleausstieg endlich Gesetz werden, dann will die CDU neue Ideen präsentieren.

Beginnt hier gerade etwas Neues? Setzt der gewaltige faktische Druck, den die Physik der Atmosphäre, der Zustand der Umwelt und die Forderungen der jungen Generation (ganz zu schweigen von denen der Forscher, Umweltschützer, Unternehmer) erzeugen, setzt dieser Druck endlich einen Ideenwettbewerb in Gang?

Wenn die Union wirklich Ernst macht, entbrennt dann ein Wettstreit um die beste Lösung, in dem alle Parteien den Bürgern ihre Angebote unterbreiten und die Unterschiede zwischen diesen erklären: "So wollen wir das mit dem Klimaschutz schaffen!" – "Hier liegen unsere Prioritäten, so sollen die Instrumente aussehen, diese grundlegenden Veränderungen wollen wir euch zumuten ..." – Das wäre extrem spannend zu sehen, wie schwarze und rote, wie dunkelrote und blaue, wie gelbe Klimapolitik künftig aussehen soll.

Gewiss, in jedem Parteiprogramm steht der Klimaschutz längst drin, irgendwie. Bloß tritt er praktisch vor allem so in Erscheinung: als Ablehnung der angeblich zu radikalen Konzepte der Grünen. Die mögen sich als Einzige darin sonnen können, mehr als alle anderen zu wollen. Das bringt vielleicht Sympathie und Prozentpunkte in den Umfragen. Aber soll Klimaschutz warten, bis diese Partei – ja, was erreicht? Eine Regierungsbeteiligung? Eine absolute Mehrheit? Zwei Drittel mit Gänseblümchen? Treten aber alle anderen Parteien ernsthaft mit Ideen in Konkurrenz zu ihnen, wird es sofort um Alltagstauglichkeit gehen, um Wirksamkeit. Dann wird nicht mehr um das Ob gestritten, sondern um das Wie.

Die Klimakrise ist gewaltig und komplex und drängend. Und zu groß für jede einzelne Partei. Deswegen muss man darauf hoffen, dass aus der Sommerhitze politische Energie wird.