DIE ZEIT: Herr Zimmerer, Sie leiten eine Forschungsstelle, die sich mit Hamburgs Kolonialgeschichte beschäftigt. So etwas gibt es in keiner anderen Stadt Deutschlands. Was macht Hamburg besonders?

Jürgen Zimmerer: Wer sich mit dem Kolonialismus in Deutschland beschäftigt, kommt an Hamburg nicht vorbei. Es gibt praktisch kein überregionales Thema, das nicht einen starken Bezug zu unserer Stadt hat, denn Hamburg war das Scharnier zwischen dem Deutschen Reich und den Ländern, in die es koloniale Handelsbeziehungen gab. Berlin war zwar das politische Zentrum des Kolonialismus, Hamburg aber die entscheidende Kolonialmetropole des Reichs.

ZEIT: Wie kam es dazu?

Zimmerer: Das liegt ganz entscheidend am Hafen. Er stieg im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten in Europa auf, das hatte sehr viel mit dem Kolonialhandel zu tun.

ZEIT: Was wurde dort gehandelt?

Zimmerer: Natürlich Kolonialwaren wie Kaffee, Palmöl oder Elfenbein. Aber der Hafen spielte auch für das Militär eine zentrale Rolle. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts begingen deutsche Truppen einen Völkermord in Namibia. Sie trieben Herero und Nama in die Wüste, brachten sie um oder ließen sie elendig verdursten. Wir haben herausgefunden, dass 95 Prozent der Soldaten, die von Deutschland nach Namibia aufbrachen, aus Hamburg losgefahren sind. Praktisch der gesamte Nachschub für diesen Krieg lief über den hiesigen Hafen. Die Hamburger Reederei Woermann hatte zu dem Zeitpunkt ein Monopol auf Regierungstransporte nach Südwestafrika, wie Namibia damals hieß. Für Adolph Woermann, den Besitzer der Reederei, war der deutsche Kolonialismus ein gutes Geschäft. Dafür hatte er sich strategisch eingesetzt. Anfang der 1880er-Jahre verfasste er mit einigen Gleichgesinnten eine Denkschrift, die den Reichskanzler Otto von Bismarck vom Nutzen der Kolonien überzeugen sollte. Woermann schrieb sie im Namen der Handelskammer, und sie wurde vom Hamburger Senat übergeben.

ZEIT: In der Schule lernt man, dass der Kolonialismus in Deutschland so richtig im Jahr 1884 begann, als das Deutsche Reich nacheinander Gebiete in Afrika und im Pazifik für sich reklamierte, und dass er 1919 mit dem Versailler Vertrag endete. Ist das die Zeitspanne, die Sie erforschen?

Zimmerer: Das sind entscheidende Wegmarken, aber die deutsche Kolonialgeschichte ist weitaus länger. Den Handel mit Kolonialwaren gab es teilweise schon seit Jahrhunderten, direkte Beziehungen nach Afrika oder in den Pazifik seit den 1850er-Jahren. Die Beziehungen entwickelten sich dann zu einer allmählichen Unterwerfung dieser Länder und deren Einwohner durch die Deutschen. Im Deutschen Reich herrschte übrigens die größte Begeisterung für Kolonien während der Weimarer Republik, als Deutschland keine Kolonien mehr hatte. Selbst Konrad Adenauer forderte 1927 als Kölner Oberbürgermeister, dass das Reich unbedingt ihre Rückgewinnung anstreben müsse.

ZEIT: Was verstehen Sie unter Kolonialismus?

Zimmerer: Kolonialismus ist ein strukturelles rassistisches Unrechtssystem, das eben nicht auf den Zeitraum formaler Kolonialherrschaft begrenzt ist. Wenn sich die Welt seit dem frühen 15. Jahrhundert in einem Prozess der Globalisierung befindet, sind wir jetzt in der postkolonialen Phase angekommen. Wir befinden uns also in einer Phase nach dem Ende formaler Herrschaft von Kolonialmächten über andere Regionen, sind aber nach wie vor mit den Auswirkungen kolonialer Handelsstrukturen und Denkweisen konfrontiert.

ZEIT: Seit Monaten gibt es weltweit intensive Debatten über die Frage, ob und, wenn ja, welche Kunstwerke zurück in die Herkunftsländer gegeben werden sollen. Wie sehr war Hamburg in den damaligen Kunsthandel involviert?

Zimmerer: Überraschend stark. Ein Beispiel sind die Benin-Bronzen. 1897 eroberten die Briten das Königreich Benin im heutigen Nigeria und raubten 3000 bis 4000 Objekte, die in ganz Europa verteilt wurden. Im Berliner Humboldt Forum sollen einige Hundert von ihnen nun an einem für Deutschland zentralen Ort ausgestellt werden. Da gibt es Widerstand. Was nur wenige wissen: Diese geraubten Benin-Bronzen kamen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem über den Hamburger Hafen nach Deutschland, transportiert von der Hamburger Woermann-Reederei und anderen Schifffahrtsgesellschaften der Stadt. Zu einer Art Hehler der Bronzen wurde ein in der Kunstszene sehr anerkannter Mann: Justus Brinckmann, der Gründer des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Er verkaufte die geraubten Bronzen weiter. Dabei stand er in regem Austausch mit einem weiteren sehr prominentem Museumsvertreter: Georg Thilenius, dem ersten hauptamtlichen Direktor des Museums für Völkerkunde, das heute "Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt" heißt.

ZEIT: Die beiden Männer werden nicht nur mit Benin-Bronzen gehandelt haben.

Zimmerer: Nein. Vor allem Thilenius war Teil eines weltweiten Wettstreits um die spektakulärsten Objekte aus den Kolonien. Es gab riesige Expeditionen; so kostete eine Forschungsexpedition in die Südsee von 1908 bis 1910 500.000 Mark, eine enorme Summe für die damalige Zeit. Georg Thilenius organisierte sie. Die Frage, mit welchen Schiffen sie aufbrechen sollten, diskutierte er mit Adolph Woermann und Albert Ballin, dem Generaldirektor der Hapag. Wie systematisch die Männer vorgingen, kann man an Aufzeichnungen von Thilenius sehen. Er gab Expeditionsleitern ein regelrechtes Auftragsbuch mit, bestellte schon mal gleich Hunderte von Speeren und schrieb, dass er gewisse Inseln "leerforschen" wolle. Kein anderes Museum der Welt sollte Objekte von dort bekommen. Es ging ihnen nicht darum, nur ein wenig zu sammeln. Das waren in Hamburg geplante Raubzüge, die von Hamburgern ausgeführt wurden.