Ein Mann läuft über den Parkplatz der Gedenkstätte Buchenwald auf das von Wald umschlossene frühere Häftlingsgelände zu. Er trägt ein schwarzes T-Shirt mit Runen und dem Schriftzug der Marke Thor Steinar – unter Rechtsextremen ein eindeutiger Code. Aber auf dem Ettersberg in der Nähe von Weimar, wo die Nationalsozialisten einst eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden errichteten, wo mehr als 56.000 Menschen ermordet wurden, an Folter, medizinischen Experimenten und Auszehrung starben, hält den Mann im Thor-Steinar-T-Shirt niemand auf. Von Besuchern darauf angesprochen, warum er diese Kleidung trägt, sagt er: "Ich habe doch kein Eisernes Kreuz dabei. Das T-Shirt zeigt noch nicht, dass ich Nazi bin. Es beweist gar nichts." Er wird laut, fühlt sich provoziert. Gleichzeitig will er mit seinem Auftritt selbst provozieren.

Und damit ist er nicht allein. Im Jahr 2018 haben sich etwa 20 Zwischenfälle mit rechtsextremem Hintergrund auf ihrem Gelände ereignet, gab die Gedenkstätte Buchenwald vor Kurzem bekannt. Das waren doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Hakenkreuze auf Geländemauern, Aufkleber mit Zitaten der verurteilten Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck, Hitlergrüße auf dem KZ-Gelände.

Die Gedenkstätten Flossenbürg, Sachsenhausen, Neuengamme und Dachau berichten von ähnlichen Vorkommnissen in den vergangenen Jahren. In Flossenbürg standen Sätze wie "Ehre die SS" in den Gästebüchern, die Mitarbeiter haben die Seiten herausgerissen. In der Gedenkstätte Gardelegen in Sachsen-Anhalt wurden Grabkreuze von ermordeten KZ-Häftlingen aus der Erde gerissen und zu einem Hakenkreuz drapiert.

Gedenkstätten wie jene in Buchenwald sind die vielleicht bedeutsamsten Orte, um die Deutschen an ihre Geschichte zu erinnern. Jeder soll sie besuchen dürfen, ob im Rahmen einer Führung oder allein. Das ist ein pädagogischer Grundsatz, der alle Gedenkstätten verbindet. In Deutschland werden 15 ehemalige Konzentrationslager als Gedenkstätten genutzt. Hinzu kommen zahlreiche Mahnmale und Ausstellungen, die der Öffentlichkeit zugänglich sind. Gedenkstätten sind heute ein wichtiger Ort der politischen Bildung: Geschichtslehrer fahren mit ihren Schülern hierher, Pädagogen machen Fortbildungen. Hier wird Geschichte erfahrbar, hier werden starke Gefühle geweckt. Gerade das macht diese Orte angreifbar, anfällig für Missbrauch.

Mehr als 2,8 Millionen Besucher zählten die größeren Gedenkstätten Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen, Bergen-Belsen, Flossenbürg, Ravensbrück und Buchenwald im Jahr 2018. Allein für Buchenwald interessieren sich jedes Jahr eine halbe Million Menschen. 140.000 von ihnen, darunter vor allem Schüler, haben 2017 dort an Projekttagen und Seminaren teilgenommen, 10.000 mehr als 2013.

Es kommen aber nicht nur jene, die sich interessieren, die wissen wollen, wie das damals war. Es kommen nun zunehmend auch jene, die stören wollen. Auch Neonazis.

Das ehemalige Häftlingsgelände in Buchenwald ist nicht durchgehend umzäunt. Man gelangt mühelos, ohne Kontrolle, bis zum Krematorium.

An einem Sonntagnachmittag Ende vergangenen Jahres laufen einige Männergruppen über das Gelände, je drei bis acht Personen mit Glatze und Sonnenbrille, sie tragen Shirts von rechten Rockfestivals. Ihr Weg führt sie über die sogenannte Blutstraße, hier wurden vor über 80 Jahren Menschen in das Lager und in den Tod getrieben, Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle. Eine Gruppe geht in der Kluft einer Rockerorganisation, die laut Verfassungsschutz Verbindungen mit zur rechtsextremen Szene hat. Aus der Gedenkstätte heißt es, eine solche Ansammlung sei alles andere als normal, komme aber eben vor.