Palkovics: Über die Studiengänge entscheidet das Ministerium für Ausbildung. Die Zusage hängt davon ab, ob das Themenfeld für die ungarische Gesellschaft eine Bedeutung hat. Und das haben die Gender Studies laut dieser Bewertung nicht.

ZEIT: Sollten nicht die Fakultäten selbst entscheiden, was sie forschen und lehren?

Palkovics: Es gibt bei uns drei Töpfe zur Finanzierung: Ein Topf ist für die exzellente Forschung. Der zweite Topf ist für Themen, die sich globalen Herausforderungen widmen. Wir haben vier Gebiete definiert: Gesundheit, Industrie und Digitalisierung, Familie und Geschichte, Umwelt. Und der dritte Topf finanziert den Bereich Innovation – da geht es um die Entwicklung neuer Produkte oder Dienstleistungen. Was genau geforscht wird, geben wir nicht vor. Aber natürlich müssen wir unsere Aktivitäten fokussieren.

ZEIT: Aber was ist das Problem an der Geschlechterforschung? Das Fach ist an Universitäten in Deutschland, Europa und den USA fest etabliert.

Palkovics: Ich habe kein Problem mit der Geschlechterforschung. Aber wir haben in Ungarn auch keine U-Boot-Forschung, denn wir haben keine U-Boote. Es geht um Prioritäten.

ZEIT: Sie vergleichen U-Boot-Forschung mit der Analyse der Geschlechterverhältnisse? Auch in Ungarn leben Männer, Frauen, Familien, Kinder.

Palkovics: Diese Fragen decken wir mit der Familienforschung ab. Wir überprüfen diese Strukturen aber jedes Jahr, und wenn neuer Bedarf besteht, können wir das Fach auch wieder einführen.

ZEIT: Das Argument, die Geschlechterforschung sei nicht nützlich oder anwendungsbezogen, trifft letztlich alle Geistes- und Sozialwissenschaften.

Palkovics: Wir geben mehr Geld für diese Felder aus als Deutschland. Werfen Sie Deutschland auch vor, zu wenig für seine Geisteswissenschaften zu tun? Eben nicht.

ZEIT: Es geht mir um die Frage, wer entscheidet, was geforscht wird.

Palkovics: Eine Universität kann forschen, was sie will. Die Frage ist, ob sie dafür Mittel bekommt. Wie gesagt, wir unterstützen keine U-Boot-Forschung. Wer U-Boot-Forschung machen will, kann Geld einwerben, etwa von der EU.

ZEIT: Sie wollen die ungarische Wissenschaft auf ein Niveau heben, das dem der außeruniversitären Forschung in Deutschland entspricht. Müssten Sie dann nicht die Grundsätze der deutschen Wissenschaftsfreiheit übernehmen?

Palkovics: Das machen wir. Die neue Struktur unserer Akademie wird exakt so sein wie bei der Max-Planck-Gesellschaft.

ZEIT: Die Max-Planck-Gesellschaft hat allerdings mit den anderen deutschen Forschungsorganisationen einen offenen Brief an Sie geschrieben. Darin kritisieren sie, dass die Maßnahmen, die Sie für die Akademie planen, der Wissenschaftsfreiheit widersprechen und damit den europäischen Werten. Haben Sie diesen Brief zur Kenntnis genommen?

Palkovics: Mehr als das. Ich habe mit den Präsidenten von Leibniz und Helmholtz gesprochen. Ich habe sie gebeten, uns zu unterstützen. Ich wünsche mir, dass wir stärker kooperieren. Übrigens: Der Präsident der Fraunhofer-Gemeinschaft, Reimund Neugebauer, hat diesen Brief nicht unterzeichnet.

ZEIT: Die Fraunhofer-Gemeinschaft unterhält mit Ihnen gemeinsame Forschungsprojekte.

Palkovics: Herr Neugebauer kennt die ungarischen Bedingungen. Alle anderen Herren, die den Brief geschrieben haben, haben keine Beziehung zur ungarischen Gesellschaft. Sie haben aus der Presse irgendetwas gehört. Wenn man Informationen nur aus einer einkanaligen Quelle erhält, kriegt man vielleicht nicht die ganze Wahrheit.

ZEIT: Wer ist denn diese einkanalige Quelle?

Palkovics: Damit meine ich: Wenn man nur liest, was man lesen will.

ZEIT: Das ist ein harter Vorwurf gegen die deutschen Forschungsorganisationen. Auch der Internationale Wissenschaftsrat mit Sitz in Paris hat seine Sorge geäußert.

Palkovics: Ich weiß nicht, wie sie sich ihr Bild gemacht haben. Ich weiß nur: Fraunhofer pflegt mit Ungarn wissenschaftliche Beziehungen und hat den Brief nicht unterzeichnet. Zwischen der Leibniz-Gemeinschaft und den ungarischen Institutionen etwa gibt es bislang relativ wenig Zusammenarbeit. Also sollte sie sich, bevor sie solche Briefe unterzeichnet, ein bisschen erkundigen. Ich finde es wichtig, dass wir miteinander reden.

ZEIT: Ich habe mit Wissenschaftlern in Ungarn gesprochen. Sie nehmen Ihre Wissenschaftspolitik als Schikane wahr. Fürchten Sie nicht, dass die guten Forscher Ungarn verlassen?

Palkovics: Die Situation ist nicht so kritisch, wie es scheint. Wenn eine große Institution modernisiert wird, gibt es starken Protest, das ist normal. Das war in Deutschland nicht anders, als nach der Wende die Wissenschaftsakademie der DDR abgewickelt wurde. Wir suchen nach Möglichkeiten, in der Wissenschaft die Besten zu sein. Darum geht es, um nichts anderes.