Ihr Büro im Hauptsitz der Hypothekarbank Lenzburg verströmt keinen Bankenchic: Es dominiert Holz statt Chromstahl. Und zwischen den Aktenstapeln, Ordnern und vollen Büchergestellen steht ein gewaltiger Blumenstrauß, ein Geschenk zum 35. Dienstjubiläum der CEO Marianne Wildi.

DIE ZEIT: Frau Wildi, haben Sie als Bankerin ein besonderes Gespür für Geld?

Marianne Wildi: Ich habe ein Gespür für das Geld, das ich selbst verdiene. Das ist wie beim Jassen: Ich kenne meine Karten und weiß genau, wie viel diese im Spiel wert sind. Nur weiß ich leider manchmal nicht so genau, was das Gegenüber hat.

ZEIT: Wie haben Sie den Umgang mit Geld gelernt?

Wildi: Indem ich als kleines Kind schon angefangen habe zu sparen, ganz klassisch. Ich habe für gute Zeugnisse von meinen Großeltern Geld bekommen. Das fand ich toll, dafür habe ich mir Comics gekauft, zum Beispiel Silberpfeil, diese Geschichte eines Indianerhäuptlings. In den Sommerferien habe ich in einer Gärtnerei gearbeitet. Ich verstand, dass etwas reinkommen muss, damit etwas rausgehen kann.

ZEIT: Und wie ist Ihr Verhältnis zu Geld heute?

Wildi: Sehr vorsichtig. Ich bin keine Spielernatur, sondern eine typische Sparerin, was nicht unbedingt zu einer Bankerin passt. Aus Sicht der Bank sollte man das Geld anlegen, es arbeiten lassen, um alternative Vermögenswerte zu gewinnen wie Aktien oder Immobilien.

"Ich musste mal ein Assessment machen. Alles war wunderbar, bis auf meine geringe Affinität zum Geld."
Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg

ZEIT: Was ist der größte Luxus, den Sie sich leisten?

Wildi: Mein Auto, ein Mercedes CLS 500. Der ist sicher zu groß für die Distanzen, die ich fahre.

ZEIT: Die NZZ am Sonntag hat mal geschrieben, Sie seien die bescheidenste Führungskraft der Schweiz. Wie viel verdienen Sie?

Wildi: Das steht im Geschäftsbericht, ich weiß es nicht auswendig.

ZEIT: Vergangenes Jahr waren es 412.420 Franken. Andere Bank-CEOs verdienen mehr als das Zehnfache.

Wildi: Wenn ich wegen des Geldes arbeiten würde, wäre ich nicht hier. Wobei: Für mich ist es viel Geld. Ich bin in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Und im Vergleich zu meinen Kunden ist es auch viel. Diese Verhältnisse sind wichtig. Wäre ich CEO der UBS, hätte ich mehr Geld. Aber ich will gar nicht CEO der UBS sein.

ZEIT: Es heißt doch immer, in der Bankenwelt würden sich alle über den Lohn definieren?

Wildi: Es gibt bestimmt viele, die das tun. Ich war nie so. Ich musste mal ein Assessment machen, für meine Eignung zur Bank-CEO. Alles war wunderbar, bis auf meine geringe Affinität zum Geld. Da war die Aussage: Wenn Sie diese Frau für irgendwas begeistern wollen, meinen Sie nicht, Sie könnten Sie kaufen. Sie müssen ihr etwas anderes bieten, das sie fasziniert.

"Ich hätte auch eine Stelle in einem Hotel gehabt, aber das war mir zu weit weg von zu Hause."

ZEIT: Haben Sie Mühe mit den hohen Boni, die ein schlechtes Licht auf Ihre Gilde werfen?

Wildi: Viel mehr als die Boni an sich stört mich, dass die Kunden daraus nicht die richtigen Schlüsse ziehen. Sie ärgern sich darüber, und doch wechseln sie die Bank nicht. Sonst hätten wir viel mehr Kunden.

ZEIT: Wer über die hohen Boni motzt ...

Wildi: ... der soll bitte zu uns kommen!

ZEIT: Sie sind auf dem Dorf aufgewachsen, in Schafisheim. Ihr Vater war Schreiner, ihre Mutter Lehrerin. Wie sind Sie zur Bank gekommen?

Wildi: Ich habe die Handelsdiplomschule besucht an der Alten Kantonsschule in Aarau, genau wie mein Großvater. Danach war die Frage: Studiere ich weiter, oder steige ich ins Arbeitsleben ein? Ich wollte endlich Geld verdienen, selbstständiger sein. Weil die Personalchefin der Bank die Schwester einer meiner Lehrerinnen war, bin ich dann hier bei der "Hypi" gelandet.