Die Lutherstadt Wittenberg gilt als das Herz des Protestantismus. Von hier aus zog Martin Luther durch die Lande, um die Kirche zu reformieren. Luther wandte sich auch gegen die Marienanbetung: Nur eine strafende katholische Kirche brauche den Beistand der Gottesmutter. Nun findet ausgerechnet im lutherischen Wittenberg eine Ausstellung statt, die Marienbilder in den Blick nimmt (noch bis 18. August). Kuratiert wird die Ausstellung im Augusteum von Stefan Rhein, dem Leiter der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

Frage: Herr Rhein, was um Himmels willen hat Sie dazu gebracht, in Luthers Wittenberg Marienbilder auszustellen?

Stefan Rhein: Jetzt klingen Sie schon wie der Weihbischof, der mich angerufen hat, weil er fürchtete, wir diskreditierten die katholische Marienfrömmigkeit.

Frage: Von protestantischer Seite gab es keine Kritik?

Rhein: Doch, hier war die Irritation sogar noch größer. Es herrschte größtenteils Unverständnis, warum sich ein Luthermuseum mit Marienbildern befasst.

Frage: Wie erklären Sie sich diese heftigen Reaktionen auf beiden Seiten?

Rhein: Maria bildet die Demarkationslinie zwischen Katholizismus und Protestantismus. Wenn Sie heute Menschen auf der Straße fragen, was ihnen zu Maria einfällt, assoziieren sie in der Regel: katholische Kirche, zusammen mit Papst und Zölibat. Niemand verbindet Maria mit dem Protestantismus und der Reformation. Dabei war Luther ein Marienfreund.

Frage: Inwiefern?

Rhein: Luther hat sich theologisch intensiv zwischen 1520 und 1540 mit Maria befasst. In seinem Arbeitszimmer hing ein Marienbild, das wir in dieser Ausstellung auch zeigen. Sie war ihm die "liebe, werte Magd". Er ließ von den Marienfesten drei als ganztägige Feiertage bestehen: Mariä Lichtmess, Mariä Verkündigung und Mariä Heimsuchung. Er formte sie allerdings um, indem er sie auch als Christusfeste deklarierte.

Frage: Wieso wissen das so wenige Leute?

Rhein: Der Protestantismus wird mit Aufbruch verbunden. Alles anders, alles neu. Die Reformation steht für eine neue Zeitrechnung. Dabei verlief die Trennung zwischen den Konfessionen sehr viel langsamer als weithin angenommen. Es gab keine Stunde null, nach der überall sofort der Hebel umgelegt wurde. Die beiden Konfessionen verband und verbindet viel mehr, als uns bewusst ist. Martin Luther war, darüber gibt es ja auch einige Debatten, noch tief im Mittelalter verwurzelt und die Marienverehrung war ein zentrales Element in der mittelalterlichen Glaubensvorstellung. In seinen Predigten ist Maria noch präsent. Sie verschwindet aus der protestantischen Predigtkultur erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wird dann den Katholiken fast gänzlich übereignet.

Frage: Also verlieren die Protestanten Maria erst in der Zeit nach Luther?

Rhein: Ja, dafür spricht viel. Eine Intention der Ausstellung ist, das herauszuarbeiten. Wichtig ist: Historische Entwicklungen laufen nie stringent hintereinander ab, sondern oft gleichzeitig, miteinander verschränkt. Der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der III., auch der Weise genannt, besaß eine florierende Reliquiensammlung, die er auch nach 1517 weiter bestückte. Er war also noch stark im alten Glauben verhaftet und dennoch der Reformation gegenüber aufgeschlossen.

Frage: Wie wirkte sich diese Gleichzeitigkeit von Entwicklungen auf die Stadt Wittenberg aus?

Rhein: Wittenberg ist die Lutherstadt, aber sie war auch Marienstadt. Wir zeigen, dass es hier einen Marienwallfahrtsort gab auf dem nahe gelegenen Apollensberg. Die Stadtkirche war Maria geweiht, übrigens bis heute. In der Schlosskirche wurden unter Friedrich dem Weisen rund 1000 Marienmessen pro Jahr gefeiert – also geradezu exzessiv. Wenn man dem Kurfürsten eine Freude machen wollte, haben die Künstler ihn mit Rosenkranz in ewiger Anbetung Marias dargestellt. 500 Meter weiter entfernt rang man in der Stadtkirche um ein neues Verständnis des Gottesdienstes. Es entstanden Umdichtungen: Aus "Salve Regina" wird "Salve Christe". Bekannte Melodien wurden christozentrisch umformuliert. Luther nimmt Korrekturen vor an diesem Marienbild. Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das hat uns gereizt.