Der See ist noch einen Kilometer entfernt, wir fahren an Schiffen vorbei. Um die rostigen Eisenkähne herum ist spärlich die Vegetation zurückgekehrt, mehr grau als grün. Hasan Qasim zieht eine hundert Meter lange Staubfahne hinter seinem Auto her. Dann bremst er, hält am Rand der Sandpiste und steigt aus. "Hier war alles unter Wasser", sagt der Chef der kurdischen Antikenbehörde im Nordirak. Man mag ihm kaum glauben, dass der See einst alles überdeckte, dass die Schiffe der Fischer hier schwammen. Nur ein Fata-Morgana-ähnlicher Streifen vor dem Horizont verrät, dass stimmen könnte, was Hasan Qasim sagt. Bläulich glitzert dort ein kümmerlicher Rest Wasser im Tal des Tigris. "Steigt ein", sagt Hasan, "ich bring euch zum Palast."

Seit Jahren herrscht immer wieder Trockenheit in Kurdistan. 2018 war es besonders schlimm. Der ausbleibende Regen ließ nicht nur hier im Norden, sondern im ganzen Irak die Wasservorräte schrumpfen. Vor allem Bagdad hat Durst. Die Fünf-Millionen-Metropole liegt 400 Kilometer flussabwärts, sie ist dabei, den zum Mossulsee aufgestauten Tigris leer zu trinken. Woche für Woche kann man dem Spiegel des künstlichen Gewässers beim Sinken zusehen. Der schwindende See gibt Stück für Stück die Flächen wieder frei, die nach dem Bau der Mossul-Talsperre vor 33 Jahren unter Wasser gesetzt wurden.

Das ist das Glück von Hasan Qasim. Und das von Ivana Puljiz. Er ist als Antikenverwalter zuständig für archäologische Funde in der kurdischen Provinz Dohuk im Nordirak. Sie ist Altertumsforscherin aus Deutschland.

Hasan hat seinen Wagen neben einer Baracke aus Blech geparkt. Nun tritt er auf das Gelände am Ufer, auf dem seit den frühen Morgenstunden Arbeiter und Forscher der Universität Tübingen Erde schaufeln. Sie karren sie weg, sie wischen, sie kratzen ungebrannte Ziegelsteine frei. In der Mitte des Platzes steht Ivana Puljiz, die 31-jährige Archäologin, und dirigiert das Geschehen.

Als Grabungsleiterin ist sie hier in Kemune, südwestlich der Provinzhauptstadt Dohuk, verantwortlich dafür, mit ihren Kollegen und dem Dutzend kurdischer Helfer im Eiltempo einen einzigartigen Fund ans Licht zu holen – bevor das Wasser zurückkehrt. Jeden Tag vor Sonnenaufgang beginnen die vielen Männer und die eine Frau am Ufer des Mossulsees Stein für Stein altes Gemäuer freizulegen. "Zwanzig Räume haben wir bisher entdeckt", sagt Puljiz.

Hasan Qasim nahm im Sommer 2010 von der Stätte Notiz. Der Pegel des Sees hatte zwischenzeitlich einen neuen Tiefststand erreicht, das Wasser gab erstmals die Spitze des Gemäuers frei. Außerdem entdeckte der Antikenchef auffällige Scherben. Er identifizierte den Ort als sogenannten Tell – einen Siedlungshügel. Solche Erhebungen findet man überall in Mesopotamien. Tells entstanden aus den Überbleibseln einstiger Dörfer und Städte. Über Generationen hinweg errichteten die Menschen ihre neuen Wohnstätten auf den Trümmern früherer Bauwerke. Die Städte wuchsen aus der Ebene empor – ihre Trümmer sind heute noch sichtbar: als Hügel in der Landschaft.

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Da Hasan Qasim seit Jahren mit Archäologen der Universität Tübingen zusammenarbeitet, bat er seine deutschen Kollegen um Mithilfe. So kam Ivana Puljiz im vergangenen Jahr kurzfristig zu einem Projekt, mit dem sie gar nicht gerechnet hatte, als sie nach Kurdistan geflogen war. Ursprünglich plante sie, während der Grabungskampagne dörfliche Strukturen zu analysieren – nun kam sie von einem Tag auf den anderen zu einem Palast.

Als einzige Frau, als blonde Fremde, als Chefin einer reinen Männertruppe in einem arabischen Land muss sie hier in einer diffizilen Hierarchie funktionieren. Natürlich fällt sie auf. Keimende Machoallüren kontert sie, indem sie ihre Sicherheit in wissenschaftlichen Belangen nicht versteckt. So hat sie sich Respekt verschafft – gibt den Rhythmus vor und legt gemeinsam mit den kurdischen Grabungshelfern unermüdlich Spuren frei, stundenlang im Staub.

Ob sie ihr Palastprojekt im kommenden Herbst vor Ort weiterführen kann, wird vom Wasser abhängen. Der Pegelstand ist der unsicherste Part von Ivana Puljiz’ momentanem Job – es hängt auch vom Wetter ab, ob der Palast dann unter Wasser stehen wird. Mehr Gewissheit besteht bei den Ausmaßen des Fundes, der zu ihren Füßen mit jedem frisch ausgegrabenen altorientalischen Gemäuer Gestalt annimmt.