Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Hier schreibt sie, dass es dem Band an der von Michel Foucault gewohnten Straffheit fehle und noch unfertig wirke.

Ein Nachlass als Aufmerksamkeitsmagnet: Es ist kein Wunder, dass die Manuskripte des 1984 mitten in der Arbeit gestorbenen Wissens- und Machthistorikers Michel Foucault auf gespanntes Interesse gestoßen sind. Denn seine Bücher über die Verschränkung von Vernunft und als Krankheit behandeltem Wahnsinn, über die Geschichte der Human- und Sozialwissenschaften, über die Entstehung der medizinischen Klinik wie des modernen Strafvollzugs haben ein halbes Jahrhundert geprägt – auch als gegenwartskritische, politische Impulse. Und wer die 13 nach seinem Tod herausgegebenen Vorlesungen Foucaults las, fand nicht nur Vorarbeiten zu dessen Büchern, sondern gewann auch faszinierende Einblicke in erst Skizziertes. Zwar hatte der Autor Publikationen aus dem Nachlass untersagt. Die Herausgeber werteten jedoch das gesprochene Wort, von dem Mitschnitte existieren, als Veröffentlichung, und man ist für diese Entscheidung dankbar. Sowohl Foucaults Überlegungen zur politischen Steuerung europäischer Wohlfahrtsstaaten (Stichwort: Gouvernementalität) als auch seine Analysen zur freimütigen Rede in der Antike haben Diskussionen ausgelöst.

Sagenumwoben blieb ein im Archiv lagerndes Manuskript zu einem vierten Band von Sexualität und Wahrheit, Foucaults wohl auf mindestens fünf Bände angelegter, jedoch unvollendeter Geschichte der Sexualität. Würde auch dieses vom Autor nicht freigegebene Werk erscheinen? Herausgeber und Verlag zögerten, die Foucault-Gemeinde drängte nicht. 2018 wurde schließlich eine Ausgabe publiziert, deren deutsche Übersetzung jetzt vorliegt: Die Geständnisse des Fleisches: Sexualität und Wahrheit 4. Manche sprechen von einer Sensation.

Wie in den ersten drei Bänden geht es im Buch weder um Sexualverhalten (wie wurden Liebesakte vollzogen?) noch um "Sexualität" im modernen Sinn (Triebe, Biologie, Psychologie). Foucault untersucht vielmehr, wie sich in Europa über die historischen Epochen hinweg die Regeln für das Geschlechtsleben und die körperlichen Beziehungen der Geschlechter verändert haben – und zwar einschließlich dessen, was man für sich selbst normal und richtig findet, eben der "Selbstverhältnisse". Es geht also auch um Vorschriften, wie man des eigenen Begehrens Herr wird, um Formen der Besorgnis, der "Sorge" um sich. Denn nahezu allen überlieferten europäischen Texten zufolge, die sich mit dem Thema Sex befassen, die also Rat geben, warnen, mahnen, Strafe androhen, steckt in der geschlechtlichen Lust Gefahr.

Der Auftaktband von Sexualität und Wahrheit erschien 1976, mitten in der freudianisch-marxistischen sexuellen Revolution, als Frontalangriff auf die Psychoanalyse sowie als kritische Revision der Bevölkerungs- und Sexualwissenschaft des 19. Jahrhunderts. Schon darin stellt Foucault klar: Wo es um Sex geht, geht es stets auch um Macht. Und zwar anders, als wir denken. Denn zur Kultivierung des sexuellen Begehrens gehören nicht nur komplexe Formen von Disziplinierung, gehören Scham, Ängste, physische Abhängigkeiten. Sondern der Sex (und das Reden über ihn) produziert Subjekte, er schafft Identitäten und macht Individuen regierbar. Denn die Versprechen einer Selbstfindung sind mit dem Konstrukt eines tiefsitzend-unausweichlichen Begehrens und einer "Sexualnatur" verbunden.

Der zweite und dritte Band der Geschichte von Sexualität, Macht und Subjektivität wagten einen Zeitsprung. Hier zeichnete Foucault die Beziehungsideale vorchristlicher Zeiten nach. Die Karriere der Ehe als moralisch geforderter lebenslanger, monogamer, heterosexueller Bindung, die Treue und wechselseitige Selbstoffenbarung ins Begehren einschließt, beginnt damals: So lautet ein Ergebnis von Die Sorge um sich: Sexualität und Wahrheit 3.

Der vierte Band nun aus dem Nachlass legt den Fokus auf die sogenannten Kirchenväter: christliche Quellen vom 2. bis zum 4. Jahrhundert. Rekonstruiert wird der Wandel, mit dem eine rigide Geschlechtsmoral im Christentum genau dann Einzug hält, als es sich im späten Rom etabliert und zur Kirche verfestigt. Da ist einerseits die mönchische Askese, die durch Ordensregeln für den wachsamen Umgang mit den eigenen Körperregungen sowie für das Sprechen, das Eingestehen, Bekennen und Bereuen von ablenkender Lust zunehmend kleinteilig ausgestaltet wird. Und da ist andererseits das Eheleben, dessen christlicher Vollzug ebenfalls heikle Herausforderungen birgt, gelernt werden muss und einer detaillierten Lenkung bedarf.

Textquellen zur Zeugung, zur Taufe, zu Bußtechniken sowie zur Selbstprüfung als Gehorsamsübung sind exemplarische Praxisfelder, die Foucault im ersten Drittel des Buches abschreitet, um dann die Jungfräulichkeit und das Verheiratetsein als die zwei Pfade zu einem im Sinne der Vorschriften gelingenden Leben zu beleuchten. Ein Fazit fehlt. Die These wird dennoch deutlich: Was man auf den ersten Blick für eine Verschärfung der sittlichen Pflichten halten könnte, ist vor allem eine "Verlagerung des Wertes der sexuellen Beziehungen". Eine neue – und im Gelingensfall auch privilegierende – Erfahrung bildet sich heraus. Radikale Selbstbeschämung und Heil, Versagung und auf Gnade beruhende Transformation, Abtötung und Neugeburt gehören als Zielbilder von Selbsttechniken, die zugleich Selbstaufgabetechniken sind, eng zusammen. Denn es geht darum, Gehorsam zu perfektionieren – einen Gehorsam, der das Gemeinschaftswerk Kirche (durchaus im Wortsinn) "erzeugt". In Ordensgemeinschaften geschieht dies informell, in der Ehe rechtlich gerahmt. Das "Fleisch" ist dabei Ziel wie auch Mitte: Es ist Sitz der Sünde wie auch des Willens. Engelhaft hingegen wäre "das vollkommene reine Fleisch", das "keine unterschiedlichen Geschlechter und keine Beziehungen mehr kennt, die sie vereinigen". Zunehmend richtet sich die Anstrengung des Gläubigen, so Foucault, daher gar nicht gegen den Körper, sondern auf die Willenskontrolle. Augustinus macht die Begierde dann zum paradoxen Zentrum des Willens. Einerseits fällt das Subjekt ganz und gar dem Willenskampf anheim, denn sexuelle Begierde "ist das, ohne das der Wille nicht wollen kann, es sei denn, die Gnade kommt ihm zu Hilfe", nur Gott kann noch von einer Schwäche befreien, die bereits in der Form des Wollens steckt. Andererseits leitet Augustinus eben hieraus gottgefällige Formate der Selbstpreisgabe wie die Ehe ab.

Muss man das Buch lesen? Wer Foucaults meisterhaft formulierte Monografien kennt, wird Die Geständnisse des Fleisches unfertig finden. Nicht nur sind kleinere Manuskriptstücke als Anhang beigegeben, Überschriften nachträglich eingefügt, Stellen redundant und Teile einer bereits publizierten Vorlesung von 1979/80 wiederzuerkennen. Dem Buch fehlen die gewohnte Straffheit, einordnende Bilanzen und Ausblicke (was etwa wäre über Augustinus noch in einem Band 5 gefolgt?). Kaum vorstellbar zudem, dass Foucault das Buch im vorliegenden Umfang neben drei deutlich kürzere (dabei eher gehaltvollere) Bände hätte klotzen wollen.

Glaubt man dem editorischen Vorwort, so legte Foucault das Manuskript für Die Geständnisse des Fleisches deutlich vor der Fertigstellung der Bände 2 und 3 und auch vor seinen letzten Vorlesungen, die ebenfalls auf die Spätantike zulaufen, beiseite. Wäre es daher bei dessen Inhalt und Aufbau geblieben, hätte Foucault die Zeit gehabt, den Text wieder zur Hand zu nehmen? Sicher ist das nicht. Wahrscheinlich hätten die in der letzten Vorlesung vertieften Analysen zur freien Rede in der Antike (Stichwort Veridikation) die kritische Sicht auf die christlichen Subjektivierungspraktiken klarer heraustreten lassen. Und neue Binnenspannungen im Gesamtprojekt erzeugt.

So mögen zwar die Herausgeber betonen, Die Geständnisse des Fleisches seien fertig durchkonzipiert beziehungsweise (laut Verlagspressetext) "auf dem Sterbebett vollendet". So wirkt das Buch jedoch nicht. Eher hat man eine Baustelle mit vielleicht auch noch nicht endgültig fixiertem Bauplan vor sich.

Lesen Sie auf der nächsten Seite die Widerrede von Christoph Markschies.