Frau Königs Kokon – Seite 1

Fragt man die Rentnerin Ursula König, was sie gegen die exorbitant steigenden Mieten tut, sagt sie: "Haare schneiden." Sie öffnet dann die Tür neben ihrem Schlafzimmer. Dahinter, in einer Art Abstellraum, verbergen sich ein Drehstuhl und ein kleiner Frisiertisch, darauf ein paar Bürsten und Kämme und eine Dose Haarspray – Ursula Königs Salon.

Früher war sie Friseurin. Jetzt ist sie im Ruhestand, aber weil ihr die Rente zum Wohnen und Leben nicht reicht, frisiert sie ihre Nachbarn und Freunde, für ein paar Euro pro Schnitt, ohne Rechnung, schwarz auf die Hand.

Sie bittet darum, nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung zu stehen, sie sagt, sie wolle keinen Ärger mit dem Sozialamt. König bezieht Grundsicherung, stockt also mithilfe des Staates ihre niedrige Rente auf. Käme heraus, dass sie nebenher arbeitet, zöge ihr das Amt einen Teil des Geldes ab.

König sagt: "Eigentlich bin ich ein ehrliches Schweinchen. Aber was soll ich machen? In eine bezahlbare Wohnung ziehen? Es gibt keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Nicht für Leute wie mich."

Wenn König redet, hört man, dass sie Raucherin war und dass sie Berlinerin ist. Sie sagt "ick" statt ich und "dit" statt das. Sie sagt, sie wolle in Berlin sterben, am liebsten in ihrer Wohnung im Erdgeschoss eines Wohnblocks aus den Fünfzigerjahren, mit grauer Betonfassade und Balkonen aus senfgelbem Wellblech. "Wenn ich hier rausgeholt werde", sagt sie, "dann nur mit den Füßen nach vorn." Eine Wohnung, findet Ursula König, sei ein Rückzugsort, um den man nicht bangen müssen sollte.

"Eine Wohnung ist ein Kokon", sagt sie.

Ursula Königs Vermieter sagt: Eine Wohnung ist ein Produkt. Zumindest hört sich Michael Zahn so an, als er im Juni vor seinen Aktionären spricht, in einer klimatisierten Kongresshalle im Zentrum von Frankfurt am Main. Zahn ist seit über zehn Jahren Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wohnen, des zweitgrößten Wohnungskonzerns Deutschlands. Dem Unternehmen gehören allein in Berlin mehr als 100.000 Wohnungen. In einer von ihnen wohnt Ursula König.

Zahn spricht von Wachstumsmärkten und Zukunftschancen. Vor ihm sitzen etwa hundert Männer und Frauen, denen Anteile an der Deutschen Wohnen gehören. An diesem Morgen, auf der jährlichen Hauptversammlung des Konzerns, wollen sie erfahren, welche Pläne Zahn mit ihrem Unternehmen hat, wie er damit in Zukunft weiter Geld verdienen möchte.

Ursula König ist nicht im Raum. Doch es gibt eine Verbindung zwischen ihr und den Aktionären. Je stärker die Miete steigt, die sie bezahlt, umso mehr Gewinn macht der Konzern und umso mehr Dividende kann er ausschütten.

Jahrelang hatte es sich gelohnt, Aktionär der Deutschen Wohnen zu sein. Wer vor fünf Jahren Anteile am Unternehmen kaufte, hat seinen Einsatz bis heute allein durch Kursgewinne verdoppelt. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Gewinn von fast 1,9 Milliarden Euro, sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Zahn war ein Mann des Wachstums.

Am vergangenen Sonntag aber geschah etwas Überraschendes. Aus dem Wachstumsmann Zahn wurde nach börsenkapitalistischen Maßstäben eine Art Wohnungswohltäter. In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel sagte Zahn: "Was wir brauchen, ist ein neues Solidarmodell." Niemand solle mehr als 30 Prozent seines Nettoeinkommens für die Miete ausgeben müssen. Sein Konzern werde freiwillig auf Gewinne verzichten, um bedürftige Mieter zu schonen.

Was war geschehen?

Tatsächlich ist Zahns Angebot nicht so selbstlos, wie es scheint. Es ist wohl der Versuch, Schlimmeres zu verhindern, seit in Berlin gewählte Politiker damit drohen, Konzerne wie die Deutsche Wohnen zu enteignen – weil die Konzerne sich vor allem um die Interessen ihrer Aktionäre kümmerten statt um die Nöte der Mieter.

"Dit is meine Idylle"

Der Wohnblock, in dem Ursula König lebt, steht in Britz, einem Stadtteil am südlichen Rand von Berlin, nahe an der Grenze zu Brandenburg. Viele Britzer sind Rentner, viele jüngere Britzer beziehen Hartz IV. Es gibt hier keine veganen Cafés, es gibt das Gasthaus Zum Hufeisen, wo man die Gulaschsuppe für 3,20 Euro bekommt. Es gibt keine Yogastudios, dafür ein Rehazentrum und eine Seniorenfreizeitstätte, montags Spielenachmittag, dienstags Gedächtnistraining, mittwochs Stuhlgymnastik. Birken säumen die Straße. In den Ästen hängen Vogelhäuschen. "Dit is meine Idylle", sagt Ursula König.

Fragt sich nur, wie lange noch. Denn der Druck auf die einkommensschwächeren Mieter, die sich einst in den instagramtauglichen Altbauquartieren von Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg aufbaute, ist längst in den Wohnblocks von Britz angekommen.

Keine deutsche Stadt wächst zurzeit so rasant wie Berlin. 2008 lag die Zahl der Einwohner bei nicht einmal dreieinhalb Millionen Menschen. 2025 werden es laut Prognosen des Berliner Senats mehr als vier Millionen sein. Auch andernorts, in Universitätsstädten wie Tübingen und Jena, in Wirtschaftszentren wie Düsseldorf und Stuttgart, in Metropolen wie München und Hamburg, steigen die Einwohnerzahlen.

Und weil es an Neubauten mangelt, spitzt sich die Lage immer weiter zu. In Berlin etwa haben sich die Mieten für neu vermietete Wohnungen in den vergangenen zehn Jahren laut einer Analyse des Wohnungsportals Immowelt verdoppelt.

Die Mieten wachsen nicht nur. Sie wachsen den Menschen über den Kopf, vor allem jenen, die ohnehin wenig haben. Das zeigt eine Studie, die Ökonomen der Universität Bonn in der vergangenen Woche herausgebracht haben. Danach sind die Mieten in Deutschlands Städten dort am stärksten gestiegen, wo einkommensschwache Menschen leben. In Vierteln wie dem von Ursula König.

Die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung gäben mittlerweile im Schnitt 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen aus. Anfang der 1990er-Jahre seien es noch 25 Prozent gewesen, heißt es in der Studie. Die Forscher schreiben: "Für keine andere Einkommensgruppe waren die Preissteigerungen so dramatisch." Ausgerechnet die Einkommen der Geringverdiener halten mit den Mietsteigerungen am wenigsten Schritt.

Die Bonner Ökonomen zeigen auch, wer von der Entwicklung profitiert. Ihren Berechnungen zufolge haben die deutschen Immobilienbesitzer in den vergangenen acht Jahren Gewinne von rund drei Billionen Euro gemacht. Mehr als die Hälfte dieser Gewinne seien auf die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung entfallen. "Der deutsche Immobilienboom hat die Reichen reicher gemacht", schreiben die Forscher. "Das soziale Konfliktpotenzial dieser Entwicklungen ist nicht zu übersehen."

Die Wissenschaftler sind mit ihrer Sorge nicht allein. Der Präsident des Deutschen Städtetags, Burkhard Jung, sprach kürzlich von einer "Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland". Und Reiner Wild, der Chef des Berliner Mietervereins, sagt, in den Berliner Mieterberatungsstellen brächen immer mehr Menschen in Tränen aus.

Lange erschienen die Mieterhöhungen in der Hauptstadt wie ein Naturgesetz, wie eine Entwicklung, der all jene Menschen ohne eigene Immobilie hilflos ausgeliefert sind.

Nun aber machen Tausende Mieter aus ihrer Verzweiflung Politik – und stellen die Machtfrage.

Anfang Juni haben Berliner Mieter dem Senat eine Unterschriftenliste überreicht. Fast 80.000 Berliner haben darauf unterzeichnet, um ein Volksbegehren anzustoßen. Sie fordern, dass die größten Profiteure der Wohnungskrise enteignet werden, darunter der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen. Sie wollen, dass die Wohnungsbestände der Konzerne in Anstalten öffentlichen Rechts überführt und gemeinsam mit den Mietern verwaltet werden. Das oberste Ziel dieser Anstalten soll nicht sein, möglichst hohe Gewinne einzufahren. Sie sollen stattdessen in erster Linie bezahlbaren Wohnraum bereitstellen.

513 Euro Rente im Monat

Alle in Berlin regierenden Parteien, die Grünen, die Linkspartei und einige Politiker der SPD, haben sich die Forderungen zu eigen gemacht. Das dürfte die erste Erschütterung gewesen sein, die man bei der Deutschen Wohnen wahrgenommen hat.

Die zweite folgte Mitte Juni, genau an jenem Dienstag, an dem Michael Zahn in Frankfurt vor seinen Aktionären sprach. Während Zahn in der Kongresshalle die Hauptversammlung der Deutschen Wohnen eröffnete, tagte im Berliner Abgeordnetenhaus der Senat.

Die Politiker stimmten an diesem Tag über einen radikalen und umstrittenen Vorschlag ab: den Mietendeckel. Fünf Jahre lang, so sieht es ein Papier vor, über das die Politiker an jenem Dienstag stritten, sollen in ganz Berlin die Mieten nicht mehr steigen. Vermieter, die sich nicht daran halten, sollen bis zu einer halben Million Euro Strafe zahlen müssen.

Das Ergebnis der Abstimmung: Der Mietendeckel soll kommen.

Als der Beschluss an die Öffentlichkeit gelangt, bricht der Aktienkurs der Deutschen Wohnen ein. Kein anderes Unternehmen besitzt so viele Wohnungen in der Hauptstadt. Kein anderes wäre von einer Deckelung der Berliner Mieten so unmittelbar betroffen.

Die Berliner Regierung lässt sich auch deshalb auf diesen radikalen Schritt ein, weil führende SPD-Politiker verhindern wollen, dass die Enteignungskampagne der Mieter verfängt. Sie wollen den Mietern Zugeständnisse machen. Und damit zumindest symbolisch die Fehler korrigieren, die ihre Parteifreunde in den Vorgängerregierungen gemacht haben.

Jahrzehntelang sah die Berliner Regierung zu, wie der Bestand an Sozialwohnungen schrumpfte, während die Immobilienpreise dank in- und ausländischer Investoren stiegen. Mehr noch: Fast 200.000 Wohnungen der städtischen Gesellschaften verkaufte der Senat zwischen 1990 und der Mitte des vergangenen Jahrzehnts – fast die Hälfte des Bestands. Zum Teil sind es dieselben Wohnungen, die Teile der heutigen Regierung zurückkaufen wollen – zu einem deutlich höheren Preis.

Auch Ursula Königs Wohnung gehörte einmal einer öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft, der Deutschen Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaues (Degewo). Bald nach ihrem Einzug bekam König einen Brief. Darin stand, dass die Degewo ihre Wohnung an eine holländische Firma verkauft habe. Die holländische Firma heißt Promontoria, sie ist eine Tochter des New Yorker Investmentfonds Cerberus Capital Management. Dieser Fonds wiederum verkaufte Königs Wohnung später an die Deutsche Wohnen.

Aus öffentlichem Wohnraum wurde privates Kapital. Aus Ursula Königs Kokon wurde ein Anlageprodukt, das nun eine weitere Funktion bekam: Gewinne für die Aktionäre abzuwerfen.

Ursula König stapft in ihr Wohnzimmer, vorbei an der Vitrine mit dem guten Porzellan. Sie erzählt, wie sie ihre Lehre als Friseurin anfing, mit 15 Jahren, in einem Salon nicht weit entfernt von ihrer heutigen Wohnung. Sie sagt, sie habe 45 Jahre lang gearbeitet. Erst als Angestellte, später dann war sie selbstständig mit einem eigenen Salon. Sie hat einen Sohn großgezogen, sie hat eine Ehe geführt und eine Scheidung hinter sich. Was von alldem übrig bleibt, finanziell gesehen, sind 513 Euro Rente im Monat. Das ist nicht ungewöhnlich für ältere Frauen, die in schlecht bezahlten Branchen gearbeitet haben. Aber mittlerweile reicht es nicht einmal mehr, um aus eigenen Stücken die Kosten für eine Wohnung zu decken. Als Ursula König vor zehn Jahren bei der Degewo einzog, zahlte sie für ihre 57 Quadratmeter knapp 340 Euro. Heute sind es 460 Euro, zuzüglich Heizung und Strom.

König bekommt Hilfe vom Staat. Doch auch der Betrag, den das Sozialamt bei der Berechnung des monatlichen Mindestbedarfs für eine angemessene Wohnung veranschlagt, ist zu niedrig angesetzt. Er liegt in Berlin zurzeit bei 416 Euro. Dafür bekommt man in vielen Teilen der Stadt nicht mal ein Zimmer in einer Studenten-WG. Selbst in Berlin-Britz gibt es dafür kaum mehr eine Wohnung.

Lange waren die steigenden Mieten ein Problem der gehypten Quartiere, der durchsanierten Gründerzeitviertel und gentrifizierten Hipsterkieze. Doch längst hat die Wohnungskrise die Peripherie erreicht, die Reihenhäuser und Plattenbauten der Randbezirke, die Überlaufbecken der wachsenden Städte. Deshalb wird es für Mieter wie Ursula König eng: Wer schon jetzt am Rand der Stadt wohnt, kann nicht mehr weiter an den Rand gedrängt werden. Er müsste die Stadt verlassen.

"Ich glaube denen erst mal kein Wort"

Jahrelang haben Politiker in Bund und Ländern zugeschaut, wie sich die Krise am Wohnungsmarkt zuspitzte. Es waren vor allem die Lokalpolitiker der Städte und Bezirke, die versuchten, die Härten abzufedern. Sie wiesen Milieuschutzgebiete aus und verhängten Bauauflagen. Sie vereinbarten Härtefallregelungen. An den grundlegenden Problemen änderte sich wenig: Nach wie vor wird in Deutschland zu wenig gebaut. Und ein Großteil der Unternehmen und Privatvermieter, die hierzulande Wohnungen anbieten, kaufen eher fertige Wohnungen auf, als neu zu bauen.

Früher gab es in der Bundesrepublik gemeinnützige Wohnungsanbieter. Der Staat gewährte ihnen Steuervorteile. Dafür boten die Wohnungsanbieter auch denen etwas an, die keine hohe Miete zahlen konnten. Ende der Achtzigerjahre schaffte die schwarz-gelbe Bundesregierung diese Steuervorteile ab. Die Grünen, die Linkspartei und die Mieterverbände fordern seit Jahren, sie wieder einzuführen – bislang vergeblich.

Auf einer Unterschriftenliste für das Volksbegehren zur Enteignung der Deutschen Wohnen stand auch der Name von Ursula König. Sie war vor einigen Wochen sogar auf einer Demo, um gegen den Konzern zu protestieren. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie kennt das Papier zum Berliner Mietendeckel, und sie kennt das Interview, in dem der Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn den Mietern die Hand ausstreckt. König sagt: "Überzeugen lassen tu ich mich gern. Aber ich glaube denen erst mal kein Wort."

Die Deutsche Wohnen war nicht immer so gesprächsbereit wie heute. Sie war dafür bekannt, dass man sie schwer erreichen konnte. Wenn der Wasserhahn tropfte, wenn die Heizung ausfiel, wenn es schimmelte.

Bei sogenannten energetischen Modernisierungen, etwa beim Einbau klimafreundlicher Heizungsanlagen, zeigte sich der Konzern dagegen großzügig. Vielen Mietern erscheint das absurd. Betriebswirtschaftlich ergibt es durchaus Sinn. Instandhaltungsarbeiten muss der Vermieter selbst bezahlen. Die Kosten für energetische Modernisierungen kann er dank eines Gesetzes auf die Mieter abwälzen. Eigentlich sollte das Gesetz einmal dabei helfen, Deutschlands Wohnungen klimafreundlicher zu machen. Tatsächlich aber ist es zu einem Instrument geworden, mit dem die Vermieter ihre weniger zahlungskräftigen Kunden aus alten Mietverträgen heraushebeln können – um die Wohnungen dann teurer weiterzuvermieten.

Ein paar Häuser neben Ursula Königs Wohnung, in einem baugleichen Neubaublock, bietet die Deutsche Wohnen gerade eine solche energetisch modernisierte Wohnung an. Laut dem Inserat auf der Homepage des Konzerns liegt die Miete bei 706,67 Euro, ohne Heizung und Strom. Für 64 Quadratmeter Randlage mit PVC-Fußboden.

Dass zum Bestand wie bei der Deutschen Wohnen so viele billige Neubaublocks in den Außenbezirken gehören, war lange ein Erfolgsrezept der Branche. Dort ist bei den Mieten und beim Modernisierungspotenzial besonders viel Luft nach oben. Ob die Deutsche Wohnen dieses Potenzial ausreizen kann, hängt nun auch davon ab, wann und wie der Berliner Senat sein Gesetz zum Mietendeckel verabschiedet.

Zahns Vorstoß vom Wochenende dürfte der Versuch sein, mit zu beeinflussen, wie der Mietendeckel im Detail aussehen wird. Das zumindest geht aus dem Papier hervor, das die Deutsche Wohnen auf ihrer Homepage veröffentlicht hat. Darin schlägt Zahn der Berliner Regierung vor, demnächst einen Wohnungsgipfel abzuhalten. Das machen sonst eigentlich nur in Not geratene Politiker.