Es klingt wie eine gute Idee: Der Staat gibt nur so viel Geld aus, wie er einnimmt. Vor zehn Jahren wurde dieses Prinzip ins Grundgesetz geschrieben. Doch nun läuft der Angriff auf die Schuldenbremse: Die Grünen stellen sie offen infrage, Teile der SPD ebenfalls, und selbst in der Union werden Zweifel an der Regel geäußert. Muss die Schuldenbremse also weg? Oder brauchen wir sie mehr denn je? Die ZEIT hat angesichts der Vorstellung des neuen Bundeshaushalts die führenden Ökonomen des Landes und den zuständigen Staatssekretär im Finanzministerium zum Gespräch gebeten.

DIE ZEIT: Herr Hüther, als die Schuldenbremse eingeführt wurde, haben Sie das als "Signal für die Handlungsfähigkeit des Staates" begrüßt. Heute sagen Sie: Die Regelung ist "ökonomisch fragwürdig". Woher der Sinneswandel?

Michael Hüther: Das waren damals andere Zeiten. Wir hatten gerade den Höhepunkt der Finanzkrise hinter uns, der Staatshaushalt war stark im Minus, die Schulden stiegen. Heute ist die Krise vorbei, die Schuldenquote sinkt, zugleich investiert der Staat zu wenig. Daraus muss man Konsequenzen ziehen, zumal wenn die Zinsen so niedrig sind wie derzeit.

ZEIT: Ist die Schuldenbremse ökonomisch fragwürdig, Herr Fuest?

Clemens Fuest: Die Schuldenbremse hindert den Staat derzeit nicht daran zu investieren. Die staatlichen Investitionsausgaben steigen bereits, und wir haben einen Überschuss von 50 Milliarden Euro im Staatshaushalt. Die Politik könnte also noch viel mehr investieren. Wenn sie das nicht tut, dann liegt das nicht an der Schuldenbremse.

ZEIT: Sondern?

Fuest: An den Widerständen in der Bevölkerung zum Beispiel. Viele Menschen wehren sich gegen Stromtrassen, neue Straßen und Bahnstrecken oder Flughäfen. Man denke nur an Stuttgart 21.

Hüther: Einspruch! Die 50 Milliarden sind die Summe aller Überschüsse von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherung. Das sagt nichts über die Verteilung aus. Wir haben in Nordrhein-Westfalen jede Menge Kommunen, in denen dringend investiert werden müsste und nicht genug Geld da ist. Und der Bund dürfte laut Schuldenbremse derzeit gerade eine Milliarde Euro für Investitionskredite aufnehmen.

Katja Rietzler: Das Problem dürfte sich noch verschärfen, wenn die Konjunktur nicht mehr so gut läuft. Dann wird die Schuldenbremse endgültig zur Investitionsbremse. Das wäre fatal, denn wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Die Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur, die Gestaltung der Digitalisierung, der Kampf gegen den Klimawandel – das alles wird enorme Summen verschlingen. Das muss unabhängig von der Konjunktur finanziert werden.

Jens Südekum: Man muss sich das so vorstellen: Da liegen 50-Euro-Scheine auf dem Bürgersteig, und wir heben sie nicht auf.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Südekum: Es gibt im Moment auf der Welt sehr viele Leute, die ihr Geld unbedingt in deutschen Staatsanleihen anlegen wollen, weil es da sicher ist. Sie sind sogar bereit, dafür etwas zu bezahlen. Die Folge: Wenn der Bund sich heute einen Euro leiht, muss er den Geldgebern in zehn Jahren nach Abzug der Inflation weniger als 90 Cent zurückerstatten. Weshalb sollten wir dieses Angebot nicht annehmen?

ZEIT: Herr Schmidt, Sie sind Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Warum heben Sie die Scheine nicht auf?

Wolfgang Schmidt: Weil es ein Grundgesetz gibt, und da steht drin, dass die staatliche Schuldenaufnahme begrenzt wird. Jetzt kann man sagen, das finden wir nicht gut. Ich persönlich bin aber skeptisch, dass es derzeit wirklich einen gesellschaftlichen und politischen Konsens für die Aufhebung der Schuldenregel gibt. Dazu wäre eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und im Bundesrat nötig.

ZEIT: Was Herr Hüther und Frau Rietzler sagen, ist naiv?

Schmidt: Nein. Ich glaube nur, dass die politische und gesellschaftliche Debatte der ökonomischen Erkenntnis möglicherweise hinterherhinkt.

ZEIT: Warum ist das so?

Schmidt: Wir müssen uns doch einmal anschauen, woher wir kommen. Die Zinsen waren ja nicht immer so niedrig. In Hamburg – meiner Heimatstadt – haben wir früher locker zehn Prozent des Staatshaushalts für Zinszahlungen ausgegeben. Da fehlt dann das Geld für Zukunftsinvestitionen. Aus dieser Logik heraus hat man gesagt: So geht das nicht weiter.

Südekum: Ich glaube, das ist ein wichtiger Gedanke. Die Siebziger- und Achtzigerjahre waren geprägt von der Erfahrung, dass der Staat nicht mit Geld umgehen kann. Die meisten Ökonomen waren deshalb der Meinung, dass den Politikern die Hände gebunden werden müssten, weil sie sonst die Zinsen und die Inflation in die Höhe treiben. Sie erinnern sich vielleicht: Noch als die Schulden während der Finanzkrise stiegen, hat Thilo Sarrazin gesagt, er gebe sein Wirtschaftsdiplom zurück, wenn nicht innerhalb von zehn Jahren die Inflation komme. Das war vor fast sieben Jahren, es gibt immer noch keine Inflation.