Da wird eine Anwältin als "Türkensau" geschmäht. Da wird staatsfeindlichen "Reichsbürgern" unverhohlen Sympathie bekundet. Da finden sich Spinde, vollgestopft mit Nazi-Devotionalien: Das sind nur einige Beispiele rechtsextremistischer Umtriebe der letzten Zeit, hinter denen offenkundig Polizeibeamte und Soldaten stecken. Menschen also, die von Berufs wegen den freiheitlichen Rechtsstaat schützen sollen. Bloß Einzelfälle, wie einige Vorgesetzte rasch abwiegeln? Oder ist das Problem weit größer und bedroht längst unser demokratisches Gemeinwesen?

Rund 180.000 Soldaten dienen in der Bundeswehr, etwa 260.000 Beamte in den Polizeibehörden von Bund und Ländern. Es wäre fatal, sie alle unter Generalverdacht zu stellen, da die meisten überzeugte Demokraten sind und einen guten Job machen. Viele verlangen gerade jetzt von ihrer Führung, entschiedener als bisher gegen Extremisten in den eigenen Reihen vorzugehen.

Doch die rechtsradikalen Übergriffe häuften sich, sagen die Fachleute, die Staatsbedrohung sei ernst zu nehmen, warnt der Bundesinnenminister. Beziffern lässt sich die Gefahr allerdings nicht. Es gibt, kaum zu fassen, keine Untersuchungen, kein Register, das die einschlägigen Straf- und Disziplinarverfahren auflistet.

Frust ist gegen Ausländer gerichtet, gegen die Regierung. Oder gleich gegen den Staat

Alle Zahlenwerke sind lückenhaft. 2017 wurden 20.520 rechtsextremistische Straftaten erfasst, doch wie viele der Tatverdächtigen Polizisten oder Soldaten waren, wird nirgends aufgeschlüsselt. Der Präsident der Bundespolizei, Herr über 48.000 Mitarbeiter, soll Anfang des Jahres von insgesamt 27 rechtsextremen Verdachtsfällen in den vergangenen fünf Jahren gesprochen haben. Die Bundeswehr zählte 2017 rund 160 solcher Vorkommnisse. Das sind nicht viele Fälle, aber Kriminologen vermuten, dass es weit mehr gibt und dass sich nur kaum jemand traut, Kollegen anzuschwärzen.

Es ist ein Skandal, dass wir so wenig wissen. Zuallererst braucht es darum eine systematische Studie über das wahre Ausmaß der Gefahren.

Dass manche autoritär gesinnte Menschen unbedingt Polizist oder Soldat werden wollen, mag mit den Eigenheiten dieser Berufe zusammenhängen. Die Staatsdiener sollen die Ordnung hüten, tragen Waffen, arbeiten nach Befehl und Gehorsam. Aber dass der AfD-Bundestagsfraktion vier aktive und ein ehemaliger Polizist angehören, mehr als jeder anderen Fraktion, und dass schätzungsweise jedes 17. AfD-Mitglied ein Berufssoldat ist, muss beunruhigen. Zwar meint die AfD, die beste Verteidigerin der staatlichen Ordnung zu sein, aber sie hat damit eine andere als die liberale Ordnung im Sinn. Polizisten und Soldaten haben einen Eid auf das Grundgesetz geleistet, sie müssen auch Minderheiten schützen.

Die AfD ist eine erlaubte Partei, wer dort mitmacht, ist zwar rechts, aber in der Regel kein Rechtsextremist. Was verleitet also manche Polizisten und Soldaten, diese Grenze zu überschreiten? Einige sind von Jugend an gegen die Demokratie und nicht mehr zu erreichen. Bei anderen, schrieben Wissenschaftler bereits vor Jahren, führe vor allem die oft als vergeblich empfundene Arbeit zu Verhärtungen und Vorurteilen.

Polizisten müssen in der Not zur Stelle sein, können aber die Grundübel oft nicht beseitigen. Wer immer aufs Neue denselben Drogendealer verhaften und wieder freilassen muss, weil die Justiz ihn nicht einsperren will oder kann, richtet seinen Frust gegen jene, die er für die Missstände verantwortlich macht: die Ausländer. Die Regierung. Oder gleich gegen den Staat.

Es gehört zum Job eines Polizisten, dass er in seinem Alltag meist nur die Schattenseiten der Gesellschaft sieht. So entstehen Zerrbilder, denen man immer wieder entgegenwirken sollte: mit regelmäßiger Rotation weg von den Brennpunkten, mit permanenter Fortbildung, Zuspruch und psychologischer Begleitung.

Auch Soldaten haben Grund für großen Unmut, die Bundeswehr ist in einem desolaten Zustand. Noch folgen die meisten dem Ideal des demokratischen Staatsbürgers in Uniform. Doch in einer unzufriedenen Freiwilligenarmee, die ohne das Korrektiv der jungen Wehrpflichtigen auskommen muss, könnte dieses Ideal eines Tages schwer durchsetzbar geworden sein.

Wer das Abgleiten von frustrierten Polizisten und Soldaten in den Rechtsextremismus aufhalten will, muss die einen frühzeitig vor professioneller Deformation bewahren und die Unverbesserlichen mit der vollen Härte des Strafgesetzes verfolgen.