Vielleicht erklärt dieser Satz, warum Roger Kusch sich seit elf Jahren zum Außenseiter macht, zum umstrittensten deutschen Kämpfer für die Sterbehilfe, den selbst enge Freunde schon einmal fragten, ob er noch alle Tassen im Schrank habe: "Für mich ist klar, dass ich mir am Lebensende von niemandem was vorschreiben lasse", sagt Kusch.

Seine Autonomie ist ihm wichtiger als sein Ruf, das ist schon lange so. Er war viereinhalb Jahre lang Justizsenator unter Ole von Beust und gab für ihn den Mini-Schill, doch mit der Politik habe er immer gefremdelt, "mit dem Geschwätz ohne Taten", den täglichen Kompromissen. "Das kostet so viel Kraft", sagt er und klingt noch immer erschöpft, wenn er nur daran zurückdenkt. Er hasste es, seine Abende auf Parteiversammlungen zu verbringen. Der promovierte Jurist, das darf man feststellen, war als Berufspolitiker eher ungeeignet, zu schroff im Auftritt, zu autonom. Als Sterbehelfer aber könnte Kusch diese Unerbittlichkeit bald zu einem historischen Erfolg verhelfen.

In den kommenden Wochen, der Termin steht noch nicht fest, wird das Bundesverfassungsgericht darüber entscheiden, ob Kuschs Hamburger Verein Sterbehilfe Deutschland verboten bleibt oder die Arbeit wieder aufnehmen darf. Es ist der einzige deutsche Verein, der Menschen für einen Mitgliedsbeitrag beim Sterben half. Mehrere Richter haben bei der mündlichen Verhandlung im April bereits angedeutet, dass das im Artikel 217 des Strafgesetzbuches festgeschriebene Verbot von organisierter Sterbehilfe, auch bekannt als "Lex Kusch", fallen könnte. Es wäre ein historisches Urteil – und ein Triumph für einen Außenseiter.

Wäre er stolz? "Das Wort Stolz gehört nicht zu meinem Wortschatz", sagt Kusch. "Aber es wäre eine Anerkennung." Eine, die ihm seit Jahren versagt bleibt, was vor allem an ihm selbst und seiner Lust an der Provokation liegt.

Bis zum Verbot vor vier Jahren hat sein Verein 254 Menschen beim Suizid begleitet. Kusch hat nicht gezählt, wie oft er selbst dabei war, er vermutet: zwischen 20 und 40 Mal. Er erinnert sich daran, wie er von Sterbewilligen "an der Tür zum Teil mit einer Dankbarkeit begrüßt wurde, die ich so noch nie im Leben erfahren habe". Der letzte Akt der Sterbehilfe habe dann etwas Mechanisches, sagt er, "da werden Becher vorbereitet und mit Anweisungen getrunken". Kusch ist ein rationaler Denker, der meist sachlich argumentiert. Doch manchmal spürt man, dass ihn seine Erlebnisse als Sterbehelfer durchaus berührt haben. Zum Beispiel, wenn er von der Armut erzählt, die er gesehen habe.

Seit dem Verbot pausiert der Verein und hilft den Mitgliedern nur dabei, eine Patientenverfügung aufzusetzen. Das Geld ist knapp, Kusch stellt daher eine Eineinhalbzimmerwohnung am Holzdamm in St. Georg zur Verfügung, auf die Miete verzichtet er. Eine Mitarbeiterin sitzt dort im Büro und verweist Anrufer mit dringenden Anliegen notfalls in die Schweiz.

In Zürich hat Kusch einen zweiten Verein gegründet, den StHD e. V. Er nutzt ein juristisches Schlupfloch, um Deutschen weiterhin den begleiteten Freitod zu ermöglichen, allerdings auf Umwegen. Ein Schweizer Arzt untersucht den Sterbewilligen und prüft, ob sein Wunsch wirklich selbstbestimmt ist und alle Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft sind. Nur dann kann er "grünes Licht" geben, wie der Verein es nennt. Wenn es so weit sein soll, reist ein Angehöriger in die Schweiz und holt in einer Dachgeschosswohnung in der Züricher Innenstadt die tödlichen Medikamente ab. Er übernimmt auch die Suizidbegleitung, denn Angehörige machen sich nicht strafbar.

"Das ist auch für uns entlastender", sagt Kusch. Gut 300 Mitglieder habe der Schweizer Verein, doch zufrieden ist Kusch mit diesem Umweg nicht. Er gründete seinen Hamburger Verein ja einst, damit kein Deutscher mehr zum Sterben ins Ausland fahren müsse. "Die jetzige Handhabung hat einen doppelten Nachteil", sagt er. "Wir können einsamen Menschen nicht mehr helfen, die keine Angehörigen haben. Und wir können unseren Injektionsautomaten nicht mehr einsetzen, weil dafür ein Arzt eine Kanüle setzen muss."

Dieser Injektionsautomat ist einer der Gründe, weshalb Kuschs Ruf bei seinen Kritikern stark beschädigt ist, selbst bei denen, die wie die Mehrheit der deutschen Bevölkerung eigentlich für Sterbehilfe sind. Es geht um die Art, wie Kusch die "Selbsttötungsmaschine" im März 2008 auf einer Pressekonferenz präsentiert hat: mit stolzem Blick, als hätte er eine Maschine zum Heilen von Krebs erfunden. Dabei ging es um einen Apparat, der per Knopfdruck den Inhalt zweier Spritzen in die Blutbahn injiziert.