Die Firmengeschichte von Sotheby’s mit seinen vielfältigen Geschäften ist lang, aber nicht ganz so ehrwürdig wie die Marke des zugehörigen Auktionshauses gleichen Namens. Nach einer Reihe von Skandalen und Besitzerwechseln würde man diese Geschichte eher als "unbeständig" bezeichnen. Sotheby’s macht seine Umsätze lange schon nicht mehr in erster Linie mit der Versteigerung von Kunst, sondern mit Privatverkäufen oder der Vermittlung von Transaktionen, mit Dienstleistungen, die ebenso Immobilien oder Juwelen betreffen. Der Aktienkurs schwächelte seit geraumer Zeit, was in New York und London bereits erste Übernahmegerüchte ausgelöst hatte. Dass der französisch-israelische Unternehmer Patrick Drahi das Unternehmen nun für 3,7 Milliarden Dollar kauft und von der Börse nimmt, war trotzdem eine Überraschung.

Drahi, 55, kontrolliert den französischen Telekommunikations- und Medienkonzern Altice, gilt als zupackender Investor und als achtreichster Mann Frankreichs. In Casablanca geboren, lebte er lange in Genf. Im Augenblick genießt er tax holidays in Israel. Drahi ist vor allem in Westeuropa und den USA engagiert, ein Kunsthandelshaus scheint in sein Portfolio auf den ersten Blick nicht zu passen. Gleichwohl dürfte die Vermutung trügen, hier wolle sich jemand einen Traum erfüllen oder sein Renommee aufpolieren. So etwas liegt Drahi fern; auch zeigt er keinerlei Ambitionen, der französischen Gesellschaftselite angehören zu wollen. Dass er nun als "Kunstsammler" gilt, kommentieren Branchenvertreter nur mit spitzem Lächeln: Es sei schwierig, heute einen Milliardär zu finden, der keine Kunst kaufe.

Der Preis, den Drahi pro Aktie zu zahlen bereit ist, liegt mit 56 Dollar in der Nähe des Allzeithochs und immerhin 60 Prozent über dem Schlusskurs vor der Nachricht. Sotheby’s Hauptanteilseigner, die Pekinger Taikang Life Insurance Company und der von Daniel S. Loeb geführte Hedgefonds Third Point LLC, ziehen sich aus der kleinen, aber profitablen Branche zurück. Auch das eine Überraschung. Als sich die Taikang 2016 mit 13,5 Prozent ins Unternehmen eingekauft hatte, war eine chinesische Offensive zur Übernahme der globalen Kunstmärkte erwartet worden. Vorerst sieht es nicht mehr danach aus.

Es freuen sich nun geduldige Sotheby’s-Aktionäre sowie das Management. Dessen Boni wurden in den vergangenen Jahren als Aktienoptionen ausgezahlt. Zugleich könnte es aber auch eine Art Abfindung sein, denn Drahi finanziert den Kauf nicht aus der Privatschatulle, sondern mit Krediten. Das wird den Kostendruck aufs Unternehmen in den kommenden Jahren enorm erhöhen. Sotheby’s ist zwar kein Sanierungsfall, sondern vielmehr dem Branchenprimus Christie’s hart auf den Fersen. Dennoch bietet sich das Unternehmen für Restrukturierungsprogramme an. Der digitale Kontakt zu seinen Kunden, inzwischen von höchster Bedeutung für ein Kunsthandelshaus, sei verbesserungsfähig, heißt es. Möglicherweise werde Drahi auch die Marke erweitern und in Richtung Finanzdienstleistung weiterentwickeln. Dass er dabei Personal abbauen wird, ist ziemlich wahrscheinlich.

Der überschaubare Arbeitsmarkt für hochbegehrte und gut bezahlte Experten in New York und London wird also in Bewegung geraten. Konkurrenten wie Christie’s, Bonhams oder Phillips werden Drahis Maßnahmen jedenfalls mit Aufmerksamkeit verfolgen. Nach 31 Jahren verschwindet Sotheby’s von der Börse, wie schon einmal 1983, um nur fünf Jahre darauf an den Aktienmarkt zurückzukehren.

Bis heute ist die Frage unbeantwortet, ob es für ein Kunsthandelshaus und seine Investoren wirklich das Beste ist, public zu sein. Das Geschäft wird von Zufällen und Sonderkonjunkturen bestimmt, und Zinserhöhungen würden das globale Geld rasch in klassische Investments zurücklenken. Vielleicht markiert Drahis Kauf einen Gipfel. Falls er beabsichtigt, Sotheby’s in einigen Jahren wieder loszuschlagen, wird es ein Vorteil sein, wenn es inhabergeführt ist. Dann könnte auch noch einmal die Stunde der Chinesen schlagen.