Natürlich habe Franziska Giffey sehr gute Chancen, SPD-Vorsitzende zu werden, wenn sie denn antrete, sagt ein sozialdemokratischer Strippenzieher, der seinen Anteil hatte am überstürzten Abgang von Andrea Nahles. Ideal aufgehoben sei sie aber in einer Doppelspitze, da sie jemanden an ihrer Seite brauche, der ihr zwei Dinge klarmache: "Erstens, dass es auch böse Menschen auf der Welt gibt. Und zweitens, dass diese alle im SPD-Vorstand sitzen."

Während ein Großteil der übrigen Parteiprominenz zuletzt damit beschäftigt war, zu begründen, warum der SPD-Vorsitz zwar ein tolles Amt, man selbst aber gerade unpässlich sei, hat sich Familienministerin Giffey geschickt in Stellung gebracht. Die gebürtige Brandenburgerin gab der Süddeutschen Zeitung ein langes Interview, in dem sie nicht ein Mal "Familie" sagte, aber ganz oft "SPD". Und spätestens als man las, dass "die Leute viel über den Bauch entscheiden, über Sympathie", und dass es "extrem wichtig" sei, "dass im Vorsitz jemand ist, der Bauch und Herz erreicht", war klar: Hier redet jemand über sich selbst. Seitdem gilt Giffey als Favoritin für den Vorsitz, wenn sie kandidiert. Bloß: Kann diese Frau die SPD retten?

Das mit dem Bauch und dem Herz haben, zumindest manchmal, auch die drei jüngsten SPD-Chefs, Sigmar Gabriel, Martin Schulz und Andrea Nahles, hinbekommen, das mit der Sympathie weder die eine noch die beiden anderen.

Die Sympathie, die Giffey überall begegnet, wo sie auftritt, erwächst aus dem, was sie 16 Jahre lang gemacht hat. So lange arbeitete die heute 41-Jährige im Berliner Problemkiez Neukölln, zuletzt als Bezirksbürgermeisterin. Jeder Zweite dort hat einen Migrationshintergrund, jeder Zehnte keinen Job. Giffey hat sich mit arabischen Clans angelegt, nannte Bettelbanden Bettelbanden, ist nach Rumänien gereist, um die Probleme der Neuköllner Roma zu verstehen, sie hat Bußgelder fürs Schulschwänzen verhängt, Müllsheriffs und Wachdienste eingesetzt. Giffey bringt mit, was weiten Teilen der SPD verloren gegangen ist: Sie kennt die Alltagsprobleme jener Leute, die es schwer haben.

Die Gesetze, die sie als Ministerin erlassen hat, mögen zwar alberne Namen wie "Gute-Kita-Gesetz" oder "Starke-Familien-Gesetz" tragen. In ihnen steckt aber viel erlebte Wirklichkeit. Anders als der CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer wirft ihr daher auch niemand vor, auf der Bundesebene noch nicht angekommen zu sein. Ganz im Gegenteil: Dass Giffey bei ihrem Sprung vom Kommunalen ins Ministeramt nicht den üblichen Weg der Gremienarbeit in der Partei nehmen musste, erweist sich geradezu als Segen. Es blieb keine Zeit, ihr Neukölln abzutrainieren.

Daraus erwächst ein Paradox: Als Ministerin gehört Giffey zum Establishment – und wirkt doch neu und ungewöhnlich. Und neu und ungewöhnlich ist genau das, was eine Marke braucht, die, wie die Marke SPD, als ausgelutscht und langweilig gilt. Ein mittefixierter Auto-Lobbyist wie etwa der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil wäre als SPD-Chef jedenfalls deutlich weniger aufregend als eine Neukölln-gestählte Frau mit blonder Hochsteckfrisur, die arabischen Machos schon mal entgegenhält: "Deine Freiheit, den Arm zu schwingen, endet dort, wo meine Nase beginnt."

Doch Giffey schleppt etwas mit sich herum, das jeden Tag eskalieren könnte. In der Politikerin, die so viel bodenständiger wirkt als andere, stecken womöglich mehr Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan, als ihr lieb sein kann. Plagiatsjäger haben ihre Doktorarbeit ins Visier genommen und werfen ihr vor, weite Teile abgekupfert zu haben. Sollte ihre Alma Mater, die FU Berlin, zum gleichen Schluss kommen, geht es für Giffey um alles: Muss sie dann, wie Guttenberg und Schavan, vom Ministeramt zurücktreten? Kann sie noch SPD-Vorsitzende werden?