An der Loire-Mündung, in der Nähe von Saint-Nazaire, nicht weit entfernt von dem Badeort, an dem Jacques Tatis unvergesslicher Monsieur Hulot seine Sommerferien verbrachte, kann man heute noch, ein Stück flussaufwärts, die Ruinen einer Anstalt in Augenschein nehmen, die einmal "das Lazarett" hieß. Wechselnden Zeitläuften folgend, diente dieses ummauerte, nur zum Fluss hin mit einem Portal versehene Areal zunächst als Quarantänestation, dann als Luftkurheim, als Kriegsgefangenenlager und schließlich, nach dem Zweiten Weltkrieg, als das, was man damals eine Irrenanstalt nannte. In dieser geschlossenen Anstalt wurde der französische Autor Patrick Deville als Sohn des Anstaltsleiters vor über sechzig Jahren geboren, dort hat er die ersten acht Jahre seines Lebens verbracht. Und dort, am Flussufer, gesellte sich das Kind gern zu einem alten Insassen, der, zum reinsten Alexandriner rhythmisiert – und mit Zäsur in der Mitte –, stets nur die Silben Taba-taba-taba, taba-taba-taba monoton vor sich hinmurmelte.

Es sind diese zwei Silben, die wie ein Sphinxrätsel über Patrick Devilles großem erzählerischem Werk zu stehen scheinen. Seit 2004, seit Pura Vida, einem Roman über den amerikanisch-mexikanischen Abenteurer William Walker, hat Deville in sechs Kontinentalerzählungen wie Äquatoria oder Kampuchea die halbe Welt vermessen, von Südamerika über Afrika bis Südostasien. Jetzt, mit dem Roman Taba-Taba, kehrt er an den Ursprung zurück, kehrt er zurück nach Frankreich. Es ist gewissermaßen Halbzeit. Weitere sechs Romane sind geplant, die der anderen Welthälfte gewidmet sein werden. Was der alte Mann an der Loire mit "Taba-taba-taba" gemeint haben könnte, bleibt allerdings im Dunkeln. In einem madagassischen Dialekt sollen die Silben für "Es geht nicht" stehen, und bei den antikolonialen Aufständen im Madagaskar des Jahres 1947 soll "Taba-Taba" im Sinne von "So geht’s nicht weiter" ein Motto der Revolutionäre gewesen sein. War der Irre von der Loire vielleicht ein von Gewaltexzessen traumatisiertes Mitglied des französischen Expeditionskorps, das den Aufstand blutig niederschlug?

Diese romaneske Spekulation bildet die Klammer um einen Frankreichroman, in dem sich die Familiengeschichte des Autors und die Weltgeschichte in einem, wie W. G. Sebald gesagt hätte, "unendlichen Gewusel der Gedanken" zusammenreimen. Die Erzählung schreitet im Krebsgang voran – je weiter sie in der Zeit zurückschreitet, desto mehr weist sie nach vorn, in die Gegenwart; den chronologischen Anfang setzt die Ankunft der kleinen, 1858 in Kairo geborenen Eugénie-Joséphine in Frankreich. Sie ist eine Urahnin des Autors und verbindet die Familiengeschichte gleich mit der Kolonialgeschichte Frankreichs und auch, über ihre kaiserlichen Vornamen, mit der Geschichte des Second Empire Napoleons III. Mehr noch: Zwischen ihrer Geburt und der Ankunft in Frankreich vier Jahre später liegt das für Deville ominöse Jahr 1860, der Ausgangspunkt all seiner Kontinentalbücher: Das Jahr markiert den Anfang der modernen Globalisierung, es markiert auch den Anfang der gewaltsamen Europäisierung der Welt. Mit europäischem Geld wird weltweit der Kolonialwahn finanziert, "dieses mörderische Delirium", es werden Eisenbahnlinien durch die Dschungel gebaut, Rohstoffe geschürft, Menschen ausgebeutet. Es wird, wohl deswegen ist die kleine Eugénie-Joséphine in Ägypten geboren, der Sueskanal ausgehoben, und es soll, davon erzählt Pura Vida – und darauf kommt Taba-Taba zurück –, ein Kanal von der Karibik durch Nicaragua zum Pazifik gebaut werden. Daraus wurde wegen angloamerikanischer Kriegsdrohungen nichts.

All dies hat ein mehr oder weniger starkes Echo bis in die französische Provinz hinein, in die es den Autor auf der Suche nach einer verlorenen Zeit und seiner Familiengeschichte verschlägt, im Gepäck das Familienarchiv seiner sammelwütigen Tante Monne. Alles hängt mit allem zusammen. Das Geflecht der Beziehungen, zufälligen Verbindungen und Reminiszenzen ist fein gewoben – und führt zu teilweise überraschenden Einblicken in ein mit seinen inzwischen rund 35.000 Gemeinden letztlich "unerreichbares Land". Patrick Deville hat es ab Januar 2015, das heißt unmittelbar nach den islamistischen Attentaten auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt, zwei Jahre lang bereist, um das Buch zu schreiben. Und er kommt zu Einsichten wie diesen: "Seit tausend Jahren gilt für Frankreich: Wenn es nicht im Bürgerkrieg ist, steht es am Rand eines Bürgerkriegs." Er beobachtet mit unterkühlter Melancholie das, was die Gelbwesten in seinen Augen auf die Straßen und in die Arme rechter Populisten trieb und treibt: verwaiste Dörfer, geschlossene Schulen, geschlossene Postämter, geschlossene Bahnhöfe, geschlossene Geschäfte. Die Europäisierung der Welt, mit der Patrick Deville sein Großprojekt einsetzen lässt, ist längst von der Amerikanisierung abgelöst – und bald wird es die Sinifizierung sein: Der nicaraguanische Präsident Daniel Ortega hat, wie Deville an einer Stelle vermerkt, der Volksrepublik China eine 100-jährige Konzession zum Bau jenes Kanals durch sein Land eingeräumt, den die Franzosen, die sich in Saint-Nazaire, gleich neben dem "Lazarett", eingeschifft hatten, vor 150 Jahren nicht bauen durften ...

Patrick Deville ist ein begnadeter literarischer Globetrotter mit dem Ehrgeiz, den Atlas, in den er sich in der Kindheit vertieft hat, vollständig zu durchwandern. Er erzählt in seinen "Romanen ohne Fiktionen", so die Selbstcharakteristik, die Welt und was sie im Innersten zusammenhält – und wie sie wieder auseinanderfällt, von den Tempeln in Angkor über die Pyramiden bis zu Notre-Dame und den Twin Towers. Bei solchen oft mit feiner Ironie erzählten Explorationen rund um den Globus und tief in die Geschichte, in die sich immer wieder ein Joseph Conrad, ein André Malraux, ein Blaise Cendrars und viele andere einmischen, werden dem Übersetzer dokumentarische und stilistische Höchstleistungen abverlangt, wie sie außer Sabine Müller und Holger Fock nur wenige mit solcher Bravour vollbringen können.

Patrick Deville: Taba-Taba. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller; bilgerverlag, Zürich 2019; 488 S., 28,– €