Sie sind sehr nett und sehr rechts. Sie sind sehr rechts und sehr nett. Man kann sich keine sympathischeren Leute vorstellen als die drei Mitglieder des Kreisverbands der Konservativen Partei im Nordwesten der Grafschaft Hampshire, die an diesem Sommervormittag für den Besucher aus Deutschland in ihre Geschäftsstelle gekommen sind. Gebildete, wohlhabende Ruheständler in ihren Siebzigern, allesamt freiwillig engagiert in karitativen Vereinen. Janet Palmer, früher Personalmanagerin in einer Briefpapier-Firma, trägt ein T-Shirt mit dem Schriftzug "Help for Heroes": eine Organisation, die Betreuungseinrichtungen für ehemalige Soldaten betreibt, die in Schwierigkeiten geraten sind. Um zehntausend Veteranen kümmert sich der Verein. Aber für den Wohlfahrtsstaat, mit seiner steuerfinanzierten, moralisch neutralen Allgemeinversorgung, hat Janet wenig übrig. Der schmeckt ihr zu sehr nach Bürokratie und Sozialismus. "Ich helfe keinen Leuten", erklärt sie, "die sich nicht selbst helfen wollen. Ich werde immer Leuten helfen, die sich nicht selbst helfen können."

Das Parteibüro, in dem wir uns treffen, im Städtchen Andover, eine Stunde Zugfahrt von London entfernt, liegt über einem Bestattungsunternehmen. Ein paar Schritte entfernt steht die Kirche St. Mary, malerische Neugotik aus dem 19. Jahrhundert, aus Großbritanniens größter Zeit unter Königin Viktoria. Davor ein Kriegerdenkmal, dahinter der grasüberwachsene Friedhof, wo der erste britische Militärflieger begraben liegt, der bei einem Absturz seiner Maschine ums Leben kam, im Jahr 1912. Dies ist englische Provinz wie aus dem Bilderbuch – oder wie aus einem Detektivroman von Agatha Christie; tatsächlich kommt der friedliche Ort in einem ihrer Bücher vor, in Die Morde des Herrn ABC, wo das erste Verbrechen in Andover geschieht.

Zusammen mit rund 160.000 anderen Tory-Mitgliedern werden Janet Palmer und ihre beiden Parteifreunde bis Ende Juli über den neuen Vorsitzenden der Konservativen und damit über den künftigen Premierminister des Vereinigten Königreichs entscheiden. Das Porträt von Theresa May, das an der Wand im Verbandsbüro hängt, wird abgenommen und durch ein Bild des früheren Londoner Bürgermeisters Boris Johnson oder des Außenministers Jeremy Hunt ersetzt werden – zwischen ihnen findet die Urwahl der Parteibasis statt.

Wie denken und fühlen die Freizeitpolitiker, die über die Führung der fünftgrößten Volkswirtschaft auf dem Globus, einer Atommacht mit ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, befinden werden? Über den Regierungschef eines Landes, das in einer abenteuerlichen Krise steckt, weil es am 31. Oktober aus der EU ausscheiden will, aber nicht weiß, wie?

Mit einer Geschichte von zwei Jahrhunderten, in der sie sich immer wieder gehäutet und verwandelt, an veränderte Verhältnisse angepasst haben, sind die Tories wahrscheinlich die erfolgreichste Partei der Welt. Können sie im Großbritannien der Zukunft ihre führende Rolle verteidigen – oder kommt das Erfolgsmodell an sein Ende?

Der Brexit hat sich zur existenziellen Gefahr für die britischen Konservativen entwickelt. Wie Hunderte seiner Parteifreunde hat der Kreisvorsitzende Jonathan Richards, ein pensionierter Tierarzt und Forscher in der Pharmaindustrie, Anfang Mai bei den Lokalwahlen seinen Sitz in der Kommunalvertretung verloren: "Ich war einer von Theresa Mays Sündenbock-Stadträten" – von langjährigen treuen Wählern verlassen, weil Regierung und Parlament den Ausstieg aus der EU nicht fristgerecht geschafft haben. Das Ergebnis des Referendums von 2016 endlich umzusetzen, dem mehrheitlichen Volkswillen Geltung zu verschaffen, ist für viele Briten, besonders auf der rechten, stark patriotischen Seite des politischen Spektrums, zu einer Symbol- und Testfrage für die Demokratie geworden.

Zorn und Scham über das Brexit-Versagen der eigenen Partei empfinden dabei auch zahlreiche Tory-Mitglieder und -Funktionäre. "Ich habe mich geweigert, Wahlkampf zu machen", sagt Janet Palmer über die Kommunalwahlen im Mai. Nordwest-Hampshire ist konservatives Kerngebiet, eine ländliche Region im wohlhabenden Südosten Englands, dazu noch mit militärischer Tradition; das Hauptquartier des britischen Heeres hat hier seinen Sitz. Wenn die Tories in solchen Hochburgen den politischen Lebensmut verlieren, sind ihre gesamte Machtbasis und Regierungsfähigkeit, ist womöglich sogar ihr Dasein bedroht.

Daher die momentane absolute Fixierung auf ein schnelles und gründliches Ende der britischen EU-Mitgliedschaft, vom nationalen Spitzenpersonal in London bis zu den Liebhaberpolitikern hier im Kreisverband. Der Austritt ist eine Überlebensnotwendigkeit geworden, das einzige verfügbare Mittel, die Konkurrenz der neu gegründeten "Brexit-Partei" des eingefleischten Antieuropäers Nigel Farage wieder loszuwerden. "Sobald der Brexit geschafft ist, werden sie verschwinden", ist sich Margaret Milner-Williams sicher, die Dritte im Parteibüro in Andover, in ihrem früheren Berufsleben Gründerin und Leiterin einer Privatschule.

Um die Zukunft des Vereinigten Königreichs außerhalb der EU machen sich diese Konservativen keine Sorgen. "Wir haben die Stärke des Commonwealth hinter uns", der Staatengemeinschaft, die aus dem britischen Empire entstanden ist, meint Janet Palmer. "Ich habe Freunde in Neuseeland, die haben es uns übel genommen, dass wir uns der EU angeschlossen haben. Sie können es gar nicht erwarten, dass wir austreten und wieder in ihre Reihen zurückkehren" – in die Gemeinschaft von englischsprachigen Ländern wie Australien oder Kanada, mit denen Großbritannien in Janets Augen mehr gemein hat als mit den Europäern. Im Übrigen, stellt sie fest, brauche man keinen französischen Wein. Man könne auch welchen aus Chile oder Neuseeland trinken. Länder wie Neuseeland oder Australien, versichert Margaret Milner-Williams, würden stark auf Großbritannien blicken – aus Angst vor China. Und EU-Zölle seien halb so schlimm, weil viele Agrarprodukte sowieso aus Afrika kämen.