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Als Erdoğan vor 25 Jahren zum Bürgermeister von Istanbul gewählt wurde, sagte er: "Man kann die Stadt aus dem Fenster der Reichen betrachten oder aus dem der Baracken." Er wusste, wovon er spricht, kam er doch selbst aus jenen Baracken. Beim Amtsantritt hielt er seinen Ehering hoch, der sein einziger Besitz von Wert sei. Mittlerweile jedoch gehört er laut Forbes zu den acht reichsten Staatschefs der Welt. Sein Vermögen hat sich um mehr als das 730-Fache vermehrt.

Nun schaut er aus dem Fenster der Reichen auf die Stadt, und als Hoffnung der Barackenbewohner gilt längst ein anderer: Ekrem Imamoğlu von der CHP. Dieser versprach den Armen Arbeit, den Unrechtsopfern Gerechtigkeit und den Diskriminierten Zuwendung. Imamoğlus Botschaft: "Wir beenden die Verschwendung und sparen. Mit dem Geld senken wir die Preise für Wasser und Verkehr." Die Istanbuler mögen Imamoğlu, der sie an den frühen Erdoğan erinnert. Nachdem Imamoğlu im März zum Bürgermeister von Istanbul gewählt worden war, ließ Erdoğan die Wahl annullieren. Er glaubte, die Abtrünnigen würden ihre Entscheidung bereuen, wenn er sie erneut an der Urne antreten ließe; er glaubte, er würde spielend gewinnen, weil er Imamoğlus Wähler im Urlaub wähnte.

Erdoğan hörte den von unten laut werdenden Protest nicht, weil er eine Distanz zwischen Palast und Volk errichtet und mit Polizeirepression ein Schweigen in der Gesellschaft durchgesetzt hatte.

Die Wähler ärgerten sich darüber, dass ihr Wille ignoriert, eine Kommunalwahl zur Frage über den Fortbestand des Landes gemacht und der Rivale mit Haft bedroht wurde. Sie ärgerten sich über Erdoğans rüdes Selbstverständnis: "Ich bin der Größte, mein Wille geschieht." Selbst in den Barackenquartieren, die im März noch für Erdoğan gestimmt hatten, änderten die Leute plötzlich ihre Meinung. Die Leute schauten auf ihr Auskommen, das immer schmaler wird, und dann schauten sie auf den Prunk, den Erdoğan im Palast zur Schau stellt, und sagten: "Es reicht!"

In einem verblüffend demokratischen Reflex, verblüffend auch für den Westen, der die Türkei bereits für ein "Erdoğanistan" hielt, bereiteten sie dem, der sich für unbesiegbar hielt, eine böse Niederlage. Mit ihrer Stimme für Imamoğlu traten sie gegen den Alleinherrscher und für Demokratie ein.

Die politische Reise von Erdoğan begann in Istanbul, und nun wird sie dort auch enden. Imamoğlu wird indes als nächster Präsident der Türkei gehandelt.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe