Terri Collins hält ihr eigenes Gesetz für übermäßig strikt. Die republikanische Abgeordnete ist die Initiatorin des "Human Life Protection Act" in Alabama. Das gerade verabschiedete Anti-Abtreibungs-Gesetz ist das restriktivste unter den ohnehin schon vielen radikalen Abtreibungsregeln im Süden der USA: Collins’ Gesetz lässt sogar die in anderen konservativen Bundesstaaten üblichen Ausnahmen nicht mehr zu, also Minderjährigkeit der Schwangeren, Vergewaltigung oder Inzest als Schwangerschaftsursache. Ärzten, die dennoch Abtreibungen vornehmen, drohen Haftstrafen von bis zu 99 Jahren.

Dass das neue Gesetz in Alabama derart radikal ausfällt, folgt einem Kalkül: Die evangelikale Christin Collins und ihre Mitstreiter verfolgen damit ein höheres Ziel: Sie wollen Abtreibungen nicht nur in Alabama, sondern in den ganzen USA drastisch erschweren. "Wir mussten auf dem Prinzip beharren, dass bei einer Befruchtung sofort eine Person geschaffen wird, die ein unbeschränktes Lebensrecht hat." Nur so kann Collins sicher sein, dass die Klage gegen das Gesetz irgendwann das oberste Gericht, den Supreme Court, erreichen wird – nur das zählt für die religiöse Rechte in den USA. Ein Gesetz als Provokation – so haben es Collins und ihre Leute geplant und genauso ist es aufgegangen: Eine Bürgerrechtsorganisation hat Ende Mai gegen den Human Life Protection Act geklagt.

Die USA erleben momentan den neuen Höhepunkt eines religiösen Kulturkampfes: In zahlreichen Südstaaten haben Abtreibungsgegner neue, meist drastische Verschärfungen durchgesetzt. Nach zwei Jahren unter der Präsidentschaft von Donald Trump fühlt sich die religiöse Rechte so mächtig und so selbstbewusst wie selten zuvor – und solange er an der Macht ist, suchen ihre radikalsten Vertreter die entscheidende Auseinandersetzung: Der inzwischen mehrheitlich mit konservativen Richtern besetzte Supreme Court soll das Recht auf Abtreibung für das ganze Land massiv einschränken – es geht um eine Entscheidung mit Auswirkungen für viele Jahre.

Die Zeiten sind für christliche Abtreibungsgegner jedenfalls so günstig wie kaum je zuvor. Selten hatten die Evangelikalen so viel Einfluss wie unter Donald Trump. Bis zu seiner Kandidatur hatte der Milliardär zwar nicht erkennen lassen, dass er ein strammer Abtreibungsgegner ist. Der Machtpolitiker Trump aber hat diese Haltung im Wahlkampf 2016 schnell revidiert, um sich die Stimmen der weißen, evangelikalen Wähler zu sichern. Um charismatische Prediger geschart und in Tausenden einzelner Kirchengemeinden zusammengeschlossen, stellen Evangelikale ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung.

Sie leben vor allem im Süden und im Mittleren Westen. Nicht alle sind stramm konservativ: Unter ihnen sind Umweltaktivisten, und gerade jüngere Evangelikale wollen sich nicht politisch festlegen lassen. Doch viele Evangelikale schlossen sich in den vergangenen Jahren der rechtsreligiösen Teaparty-Bewegung an – jener Strömung, die Donald Trump ins Oval Office verhalf. Heute zählen die Religiösen zu den Treuesten unter den Trump-Fans.

Und der dauerwahlkämpfende Präsident hält seine Klientel unermüdlich mit großen und kleinen Geschenken bei Laune: Dazu zählt auch die Berufung der christlich-konservativen Juristen Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh an den Supreme Court. Beide haben schon ihre Bereitschaft zu der Revision der Abtreibungsgesetze erklärt. Mit ihrer Wahl haben die Konservativen nun eine Mehrheit von fünf zu vier am obersten Gericht.

Allein die Wahl Kavanaughs im letzten September hat eine Flut von Vorstößen gegen Abtreibungen ausgelöst. Im laufenden Jahr haben bereits acht Bundesstaaten neue Beschränkungen eingeführt. Ein Erfolg vor dem Supreme Court wäre nun die Krönung der landesweiten Kampagne konservativer Christen. Konkret geht es ihnen um die Rücknahme der in den USA berühmten Entscheidung mit dem Titel "Roe v. Wade". In seinem Urteil aus dem Jahr 1973 stellte der damals mit einer liberaleren Richtermehrheit besetzte Supreme Court fest: Das Recht von Frauen auf Selbstbestimmung erlaube den Abbruch von Schwangerschaften bis zur 24. Woche. Alabamas neues Gesetz scheint also im Konflikt zu diesem Grundsatzurteil zu stehen.

Der damalige Richterspruch war ein Erfolg für das liberale Amerika – und zugleich so etwas wie das politische Erweckungserlebnis vieler Evangelikaler, für nicht wenige wurde der Kampf gegen die Entscheidung zum Lebensthema. Der populäre TV-Prediger Jerry Falwell aus Virginia etwa sagt, der Fall habe ihn angetrieben, evangelikale Christen via Fernsehpredigten zu politisieren.