Die damals einsetzende Spaltung des Landes beim Thema Abtreibung ist heute stärker denn je: Hier die säkularen linksliberalen Staaten wie New York, die das Recht auf Abtreibung stärken und Frauen aus konservativen Landstrichen auffordern, zu einem Eingriff zu ihnen zu kommen. Da die republikanisch geführten, meist religiös konservativen Regionen im Süden, die immer drastischer gegen Abtreibungen vorgehen.

So hat eine Flut von Auflagen vielerorts zur Schließung von Abtreibungskliniken geführt. In Mississippi hält noch eine einzige Praxis den konservativen Restriktionen stand. Anderswo sind Abtreibungen nurmehr bis zur "Feststellung eines Herzschlags" bei Embryonen erlaubt, also bis zur siebten Schwangerschaftswoche.

Dabei wird oft vergessen, dass die Evangelikalen heutzutage zwar das Rückgrat der Anti-Abtreibungs-Bewegung bilden, begonnen haben den Kulturkampf ums ungeborene Leben jedoch die Katholiken. Aufgeschreckt durch die Frauenbewegung, schob die amerikanische Bischofskonferenz 1966 die erste Kampagne gegen die Legalisierung von Abtreibungen an. Die Bischofskonferenz drängte die Politik zur Verabschiedung eines Verfassungszusatzes, um das Recht auf Abtreibung ein für alle Male wieder aus der Welt zu schaffen. Ohne Erfolg. Doch zwei Jahre später gründete sich aus dieser ersten Bewegung das National Right to Life Committee (NRLC). Der Verband agiert bis heute als mächtige Anti-Abtreibungs-Lobby.

Heute sehen es viele Katholiken etwas weniger strikt als ihre protestantischen Pendants. Auch im katholischen Lager gibt es viele Befürworter strengerer Regelungen. Führende Köpfe setzen sich aber vom evangelikalen Radikalkurs ab, sie wollen die Gesetze lieber schrittweise verschärfen. Diese Haltung hat auch mit der katholischen Soziallehre zu tun: Unter den Frauen, die Abtreibungen vornehmen lassen, sind Afroamerikanerinnen überrepräsentiert. Dafür sprechen die Statistiken zu den heute rund 900.000 Abtreibungen jährlich in den USA. Dabei wächst der Anteil lediger Mütter aus farbigen Minderheiten mit niedrigen Einkommen stetig. Dies geht aus Studien des New Yorker Guttmacher Institute hervor. Demnach sind heute 85 Prozent der betroffenen Frauen ledig. Knapp drei Viertel sind unter 30 Jahren alt. Die Hälfte lebt mit Familien-Jahreseinkommen von weniger als 20.000 Dollar unterhalb der Armutsgrenze. Daher geben wirtschaftliche Motive bei Abtreibungen den Ausschlag: Über 70 Prozent der betroffenen Frauen glauben, sie könnten sich kein (weiteres) Kind leisten.

Wenn also eine weiße Politikerin wie Terri Collins die Gesetze verschärft, erhebt sie letztlich auch Anspruch auf Kontrolle über die Körper und die Existenz schwarzer Frauen. Hier liegt der entscheidende Unterschied zu dem etwas milderen Kurs der katholischen US-Kirche: Die Katholiken setzen sich neben dem "Schutz des Lebens" traditionell auch für staatliche Wohlfahrt und eine Stärkung des sozialen Netzes in den USA ein. Die inzwischen weitgehend mit Evangelikalen verschmolzene republikanische Rechte lehnt dagegen Staat und Steuern nicht zuletzt als Mechanismen für die Unterstützung von Minderheiten radikal ab.

Der erste Präsident, der im Weißen Haus dem Thema Abtreibung wieder einen größeren Raum gab, war George W. Bush. Er hatte selbst nach einer Alkoholsucht zum evangelikalen Christentum gefunden. Bush und sein Berater Karl Rove verstärkten die Zusammenarbeit mit den christlichen Lobbygruppen. Diesen Gruppen zuliebe berief Bush auch den Konservativen John Roberts an den Supreme Court. Roberts ist heute Gerichtspräsident. Doch ausgerechnet er, der für die konservative Wende am obersten Gerichtshof steht, ist bei aller Siegesgewissheit der Abtreibungsgegner zugleich der größte Unsicherheitsfaktor.

Roberts hat die Rechtskonservativen schon bei einigen Entscheidungen in der Vergangenheit enttäuscht. Der Harvard-Absolvent ist alles andere als liberal, doch konservativ zu sein könnte für ihn, so sehen es Beobachter, auch bedeuten, seit Jahrzehnten bestehendes Recht nicht einfach beiseitezuräumen. Selbst dann nicht, wenn es um das Kulturkampf-Thema Abtreibungen geht.