Wenn Wissenschaftler mit einem hartnäckigen Vorurteil aufräumen wollen, müssen sie oft gewaltigen Aufwand betreiben. Das Vorurteil, das deutsche Pflanzenforscher der Universitäten Gießen, Bonn, Hannover und Kiel sowie ihre Kollegen vom Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg prüfen wollten, lautet so: Die Züchtung hat die Hochleistungssorten von Weizen, Mais und Co. über Jahrzehnte nur auf maximalen Ertrag getrimmt – und damit empfindsame Diven geschaffen, die ihre Leistung nur dann bringen, wenn man sie massiv düngt und intensiv spritzt. Stabiler und widerstandsfähiger seien alte Sorten.

Der Aufwand zur Prüfung dieses Vorurteils: Man sammle bei Züchtern, Forschungsinstituten und Genbanken 191 verschiedene Weizensorten ein, die zwischen 1966 und 2016 zugelassen wurden. Man säe sie unter verschiedenen, streng kontrollierten Bedingungen auf 18.844 kleinen Parzellen an sechs Standorten aus. Man ernte, zähle und wiege dann vier Jahre lang.

Die erste Erkenntnis des rekordverdächtigen Großexperiments: Gemessen am Ertrag ist der Züchtungsfortschritt beim Weizen vollkommen ungebrochen – anders als es die stagnierenden Erntestatistiken der Welternährungsorganisation nahelegen. Von 1966 bis 2016 lieferten neue Sorten jedes Jahr durchschnittlich 32 Kilogramm Ertrag pro Hektar mehr.

Um nun die vielfach vermutete Divenhaftigkeit zu untersuchen, bauten die Forscher die 191 Weizensorten an allen sechs Orten unter drei verschiedenen Bedingungen an. Das erste Setting glich konventioneller Landwirtschaft: Die Böden wurden massiv gedüngt, mit insgesamt 220 Kilogramm Stickstoff pro Hektar. Die Pflanzen wurden intensiv gegen Pilzbefall und Schadinsekten gespritzt. Im zweiten Setting verzichteten die Forscher auf den Einsatz von Fungiziden und Insektiziden. Im dritten Setting wurde zudem die Stickstoffdüngung halbiert.

Das Ergebnis: Im Mittel kostete der Verzicht auf den Pflanzenschutz 1,67 Tonnen Ertrag pro Hektar. Zur Orientierung: Der mittlere Weizenertrag in Deutschland liegt bei 8 Tonnen, im Großversuch waren es unter konventionellen Bedingungen 8,14 Tonnen. Reduzierten die Pflanzenforscher zusätzlich zum Chemieeinsatz die Stickstoffdüngung, sank der Ertrag im Schnitt pro Hektar um weitere 580 Kilogramm.

Aber wie schnitten die modernen Hochleistungssorten ab? Sie bleiben die Champions – und zwar unter allen Bedingungen. "In den extensiven Anbauvarianten war ein mindestens so hoher Zuchtfortschritt wie in der intensiven zu beobachten", sagt Andreas Stahl, Pflanzenzüchter an der Universität Gießen. Beim ausschließlichen Verzicht auf die Pflanzenschutzmittel sei der Vorsprung der jüngeren Züchtungen besonders deutlich zutage getreten.

Das Vorurteil ist damit klar widerlegt: Beim Weizen bringen die neuen Sorten nicht nur mehr Ertrag, sie sind auch immer widerstandsfähiger gegen die untersuchten Krankheiten geworden und können das Nährstoffangebot im Boden besser nutzen. An einem Standort in Groß-Gerau, in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens, maßen die Gießener Forscher auf extrem sandigem Boden zusätzlich die Widerstandsfähigkeit gegen Trockenstress. Auch hier schnitten neue Sorten besser ab als alte.

Die Konsequenz für Andreas Stahl: "Wenn die Agrarpolitik will, dass weniger gedüngt wird und weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, dann kommt den pflanzeneigenen Merkmalen noch größere Bedeutung zu." Statt Agrarromantik sind die Fortschritte der Pflanzenzucht also dringender denn je gefragt.

Ganz nebenbei haben die Forscher übrigens mit einem weiteren Vorurteil aufgeräumt: Auch der innere genetische Reichtum der neuen Sorten steht dem der alten in nichts nach.