Wie viel Vertrauen ist gut? Wie viel Misstrauen ist geboten – dieser Frage widmet sich der Philosoph Wilhelm Schmid. Der gebürtige Schwabe lebt in Berlin und ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Erfurt. 

Es macht einen Riesenunterschied, ob ich mit meinen Amtskollegen telefoniere oder ob wir uns persönlich treffen. In der Politik wie alltäglichen Leben beruht Glaubwürdigkeit immer auf der unmittelbaren Begegnung.
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Evangelischen Kirchentag
Wir können nicht leben, ohne dass wir irren, versagen und aneinander schuldig werden. Deshalb brauchen wir Vergebung, gerade auch in der Liebe.
Der Ratsvorsitzende a. D. der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, in Dortmund

Mir doch egal, ob mir vertraut wird. Könnte ich sagen. Aber das Gegenteil ist der Fall, und das nicht nur bei mir: Alle wollen vertrauenswürdig sein. "Würdig"? Schon das Wort verweist darauf, was auf dem Spiel steht: Offenkundig handelt es sich um einen besonderen Aspekt der allgemeinen Würde des Menschen. Alle fühlen sich gewürdigt, wenn ihnen und der Sache, die sie vertreten, Vertrauen geschenkt wird, und entwürdigt, wenn nicht. Schon bei Kindern ist das so. "Du vertraust mir nicht!", sagen sie und klingen beleidigt, obwohl die Eltern nur nachfragen wollten, ob die Hausaufgaben auch wirklich schon erledigt sind.

Vertrauen geht verloren, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Die können unberechtigt sein, sind im Fall der Hausaufgaben aber wohl eher berechtigt. Werden sie dennoch nicht erfüllt, untergräbt das die Wertschätzung, die nur der erhält, auf den ich mich verlassen kann.

Vertrauen beruht auf Verlässlichkeit. Wie es zurückzugewinnen ist, wenn es verloren ging, weiß jedes Kind: indem man Absprachen einhält. Mit dem Vertrauen, das dem Kind dann entgegengebracht wird, wächst sein Selbstvertrauen. Gestärkt durch die Wertschätzung für seine Verlässlichkeit traut es sich fortan mehr zu. Mut, Zuversicht und Kreativität werden frei.

Im Leben jedes Menschen spielt Vertrauen eine große Rolle. Es ist das Gefühl, das sich zur Gewissheit verdichtet, dass alles gut ist und gut wird, und wenn nicht, dass es dennoch gut zu bewältigen ist. Umso schmerzlicher ist jeder Vertrauensverlust, im privaten wie auch im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Raum. Was individuell erfahrbar ist, gilt auch institutionell, denn in Institutionen sind Individuen am Werk, sei es in Banken, Auto-, Pharma- oder Internetkonzernen, in politischen Parteien oder Kirchen. Selbst im virtuellen Raum, in dem eine persönlich klingende Stimme den anonymen Algorithmus verbirgt, stecken Menschen dahinter. Ich kenne sie nicht, und sie geben sich nicht zu erkennen, aber das ohnehin wacklige Vertrauen in ihr Unternehmen wird unterminiert, wenn sie unerlaubt mithören, was ich vertraulich mit Alexa bespreche.

Wird Vertrauen enttäuscht, kann der Enttäuschte das als Verletzung auch seiner Würde empfinden. Zurückzugewinnen ist Vertrauen nur, wenn der, der es verloren hat, Sinn darin sieht und wenn der, der den Verlust verursacht hat, sich nicht nur entschuldigt, sondern seine Hausaufgaben macht. Welcher Art sie sind, ergibt sich aus der jeweiligen Rolle und Tätigkeit. Was erwarte ich von Eltern, Lehrern, Lokführern, Piloten, Ärzten, Pfarrern, Autoherstellern, Politikern? In Beziehungen wird häufig Treue erwartet. Die Grundformel des Vertrauens aber ist durchgängig dieselbe: Berechtigte Erwartungen sollen erfüllt werden.

Schwieriger ist die Klärung der Details. Was genau ist zu tun, wer definiert die Erwartungen, wer soll sie erfüllen, wer darf das kontrollieren? Einvernehmen darüber zu erzielen macht ein neues Vertrauen wahrscheinlicher. Das Einvernehmen zu hintertreiben ist eine Vorgehensweise derer, die gar keine Hausaufgaben machen wollen.

Werden berechtigte Erwartungen jedoch erfüllt, kann es mehr Kooperation geben, die Kommunikation fällt leichter, Bewegungsspielräume werden größer, die Geschäfte florieren, aufwendige Kontrollen entfallen. Wo hingegen Vertrauen verspielt wurde, gibt es keinen Austausch mehr, Bewegungsspielräume werden kleiner, die Geschäfte gehen schleppend, Kontrollen treten an die Stelle von Kooperation. Jede bejahenswerte Form von Gesellschaft und Wirtschaft löst sich auf, Angst macht sich breit. Wie eine Welt ohne jedes Vertrauen aussehen würde, ist zu erahnen. Ich könnte keinen Bus, keinen Zug, kein Flugzeug mehr besteigen, denn ich müsste befürchten, nicht mehr zuverlässig ans Ziel gebracht zu werden.

Werden berechtigte Erwartungen immer wieder enttäuscht, schenke ich neuen Versprechungen keinen Glauben mehr. Erst wenn klar ist, wodurch das Vertrauen verloren ging, gibt es Ansatzpunkte für Verbesserungen, um es wiederzugewinnen. Oder hege ich übertriebene Erwartungen?