DIE ZEIT: Fast jeder Zweite in Hamburg hält Wohnraummangel für das drängendste Problem der Stadt, das hat eine repräsentative Umfrage der ZEIT und der Körber-Stiftung ergeben. Überrascht Sie das?

Andreas Breitner: Nein. Das Thema ist en vogue, keine Talkshow ohne Wohnen. Hinzu kommen eine Reihe von populistischen Forderungen: Enteignung, Mietpreisbremse, Mietendeckel. Ich kann mir gut vorstellen, dass inzwischen auch viele Mieterinnen und Mieter, die selbst gar nicht betroffen sind, sich Sorgen machen.

ZEIT: Leute reden sich ein, das Problem sei größer, als es ist – Herr Chychla, sehen Sie das auch so?

Siegmund Chychla: Auf keinen Fall, das Problem ist riesig. Natürlich gibt es Menschen, die seit vielen Jahren in ihrer Wohnung leben und normale Mieten zahlen, so um 8,50 Euro kalt pro Quadratmeter. Aber schauen Sie sich all diejenigen an, die eine Wohnung suchen! Wer eine Neubauwohnung anmietet, zahlt im Schnitt 13 Euro pro Quadratmeter. Das ist eine riesige Differenz, die macht den Menschen Angst. Mittlerweile nicht nur den wirtschaftlich Schwächeren, sondern auch der gutbürgerlichen Mittelschicht.

Breitner: Da widerspreche ich. In meinem Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) sind vor allem Wohnungsgenossenschaften und der Gemeinnützigkeit verpflichtete Gesellschaften Mitglieder. Allein bei den Genossenschaften werden jedes Jahr 10.000 Wohnungen frei. Mir ist keine Wohnung eines Verbandsunternehmens bekannt, deren Nettokaltmiete pro Quadratmeter bei 13 Euro liegt. Die 13 Euro sind eine verbandspolitische Kampfzahl von Ihnen, Herr Chychla. Sie soll weitere Ängste schüren.

ZEIT: Herr Breitner, Sie sprechen von den Glückseligen, die bei der Saga oder bei einer Genossenschaft eine Wohnung haben.

Breitner: Ich spreche nicht von wenigen Glückseligen. Mit all unseren Verbandsmitgliedern decken wir in Hamburg fast die Hälfte des Mietwohnungsmarktes ab. Allein bei den Genossenschaften geht gut ein Drittel der jährlich frei werdenden Wohnungen an Leute, die vorher nicht Mitglied der Genossenschaft waren. Nix mit closed shop.

Chychla: Bei diesen zwei Dritteln handelt es sich nicht um preisgünstige Wohnungen, sondern überwiegend um Neubau und teure Wohnungen, die von den Altmitgliedern der Genossenschaften nicht nachgefragt werden. Wir kennen viele Mitglieder der Baugenossenschaften, die sich das nicht leisten können. Wie teuer sind denn Ihre Neubauwohnungen? Nur 5 bis 7 Euro, oder nicht doch eher zwischen 10 und 13 Euro?

Breitner: Wenn wir heute ohne Subventionen bauen, liegen wir bei Mieten zwischen 9,50 und 10 Euro.

Chychla: Neubaumieten für 10 Euro? Das bestreite ich.

ZEIT: Hamburg ist eine der attraktivsten Städte in Deutschland und verglichen mit anderen Metropolen der Welt immer noch erstaunlich billig. Herr Chychla, ist das, was Sie als Ausnahmezustand empfinden, nicht in Wirklichkeit ziemlich normal?

Chychla: Dass so etwas normal ist, kann niemand wollen. Wenn sich nichts ändert, werden wir eine Stadt bekommen, die zunehmend nur zwei Gruppen von Bewohnern hat: Transferleistungsempfänger und überdurchschnittlich gut Verdienende. Alle anderen, zum Beispiel Polizisten oder Krankenschwestern, die nicht das Glück haben, eine Wohnung in einer Genossenschaft oder bei der Saga zu bekommen, werden aus der Stadt gedrängt.

Breitner: Das muss man verhindern.

ZEIT: Einer Krankenschwester oder einem Handwerker kurz vor der Rente: Würden Sie denen raten, aus Hamburg wegzuziehen?

Breitner: Grundsätzlich soll jeder dort wohnen, wo sie oder er sich wohlfühlt. Aber es gibt auch eine Vielzahl von Menschen, die aus Hamburg wegziehen, ins Grüne.

Chychla: Viele wollen aber auch in ihrer Umgebung bleiben! Man kann nicht sagen: Toll, dass Sie sich jahrzehntelang mit Ihrer Arbeit für die Zivilgesellschaft eingesetzt haben, aber jetzt müssen Sie aus der Stadt raus, tschüss.

Breitner: Natürlich ist es heute nicht leicht, eine bezahlbare Wohnung zu finden, das ist unbestritten. Aber von Wohnungsnot zu sprechen, wie Herr Chychla es gerne tut, ist Panikmache. Wir haben keine Not. Die hatten wir in den Fünfzigerjahren, als Menschen in Wellblechhütten wohnten und die Turnhallen voller Menschen waren, die kein Dach über dem Kopf hatten.