Weiße Kunst ist auch okay – Seite 1

Noch vor wenigen Jahren war Arthur Jafa nur jenen im Filmbetrieb bekannt, die den Abspann afroamerikanischer Dokumentarfilme lasen oder sich für die Produzenten von Hip-Hop-Musikvideos interessierten. Als Kameramann arbeitete er mit John Akomfrah, Spike Lee und Solange Knowles zusammen. Nun hat Jafa (1960 in Tupelo, Mississippi, geboren, seine Eltern waren Lehrer) eine rasante, erstaunliche zweite Karriere im Kunstbetrieb gemacht: Seine achtminütige Videoinstallation Love is the Message, the Message is Death war seit 2016 in zahlreichen Museen weltweit zu sehen. Auf der Venedig-Biennale zeigt Jafa seit Mai eine neue Videoinstallation, für die er mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet wurde. Und vergangenes Wochenende eröffnete – nach Stationen in der Serpentine Gallery in London und der Sammlung Julia Stoschek in Berlin – die bisher wohl größte Ausstellung Jafas im Stockholmer Moderna Museet.

In einer Aufbaupause empfängt der Künstler, der im blonden Stockholm ein Camouflage-Cap über seinem zu kleinen Zöpfen geflochtenen schwarzgrauen Haar trägt, den Kritiker zum Gespräch. Er zeigt auf seinem Smartphone ein Instagram-Filmchen von einem schwarzen Mann oder einer Frau, so genau kann man das nicht sagen, der oder die auf extrem hohen Stilettos einen wagemutigen, scheinbar mühelosen Tanz aufführt. Es ist gut möglich, dass dieser kleine Film bald Teil seiner Kunst wird.

Denn aus im Internet gefundenen und selbst produzierten Filmschnipseln mixt Arthur Jafa seine Collagen, die Zuschauer süchtig machen. In Love is the Message, the Message is Death sieht man Barack Obama singen, weiße Polizisten auf schwarze Männer und Frauen, ja sogar Kinder einprügeln, schwarze Jugendliche einander malträtieren, Schwarze zu Hip-Hop tanzen, schwarze Kinder spielen, schwarze Sportler weinen und feiern, schwarze Priester predigen, schwarze Bürgerrechtler demonstrieren. Es ist ein ebenso verstörender wie mitreißender Bilderstrom, unterlegt mit dem Song Ultralight Beam von Kanye West. Ein Film über Lust, Schmerz, Stolz, Demütigung, über die Erfahrung der Blackness, des Schwarzseins in den USA.

Gibt es eine schwarze Kunst überhaupt? Sicher, sagt Jafa, er habe das Glück, in diesen Zustand, den man Schwarzsein nennt, hineingeboren worden zu sein: "Das Schwarzsein ist eine sehr komplizierte ontologische Formation, und die Schwarzen sind ein Produkt dieser Formation. Aber Schwarze und das Schwarzsein sind nicht ein und dasselbe. Ich unterscheide auch zwischen den Schwarzen und den Afrikanern. Es gibt einen Unterschied für die Schwarzen in Amerika, der durch die Sklaverei entstand. Und durch Probleme, die schon vor der Sklaverei existierten. Die herrschende Elite in Afrika nutzte den Sklavenhandel, um anarchische Gemeinschaften loszuwerden. Die Sklaverei löste ein sich fortsetzendes Trauma aus, aber schon davor gab es ein soziopolitisches Problem in Afrika." Das wirke noch heute auf die Psyche: "Denn auf wen ist man am meisten wütend: Auf den, der dich gekauft hat? Oder auf den, der dich verkauft hat? Vor allem wenn der Verkäufer üblicherweise deine Familie war."

Viele Schwarze auf dem amerikanischen Kontinent glaubten heute, sagt er, dass sie von afrikanischen Königen und Königinnen abstammten: "Diese Fantasien sind absolut verständlich, weil sie all den negativen Erzählungen über uns, nämlich dass wir keine Geschichte hätten, keine Zivilisation, entgegengesetzt werden konnten. Letztendlich sind schwarze Amerikaner aber die Nachkommen von Bauern, von Arbeitern, von der Klasse der Entbehrlichen. Mich interessiert das Schwarzsein eben nicht nur, weil ich zufällig selbst schwarz bin, sondern vor allem wegen dieser drängenden sozialhistorischen, politischen, philosophischen Fragen, die mit dem Schwarzsein verbunden sind."

Dieser Mann, der neben seinen Filmen vier Jahrzehnte lang intensiv an Bildbänden, Skulpturen und Fotografien arbeitete, wurde wie so viele schwarze Künstlerinnen und Künstler vom globalen Betrieb kaum gehört, obwohl er sehr viel zu sagen hat. Das weltweit gesteigerte Interesse an schwarzer Kunst erklärt er auch mit einem Verweis auf die schwarze Musik, die seit dem 20. Jahrhundert die vielleicht dominante kulturelle Form sei und ebenfalls nicht nur von Schwarzen konsumiert werde. Schwarze Menschen gälten einerseits als das Sinnbild für Erbärmlichkeit, anderseits als das Sinnbild für Lebenskraft und Dynamik, egal ob es um schwarzen Tanz, schwarze Athleten oder Kunst gehe. "Schwarzsein bedeutet: Druck, Intensität, Spaß, Horror. All das, was alle Menschen fühlen und erleben, aber in einer besonderen, konzentrierten Fassung."

Weißsein als psychopathologisches Symptom

Und wenn Weiße sich das nun aneignen? "Mich beunruhigt das, was cultural appropriation genannt wird, nicht allzu sehr. Jeder nimmt sich etwas von anderen, niemand schafft etwas aus dem Nichts, das liegt in der Natur von Kultur. Das Problem ist die ungleiche Verteilung von Ressourcen als ein Ergebnis dieser Aneignung."

Und diese ungleiche Ressourcenverteilung ist im Kunstmarkt besonders gut sichtbar: Fast ausschließlich weiße Galeristen und Auktionatoren profitieren von dem neuen Interesse an schwarzer Kunst. Doch das ändere sich gerade, sagt Jafa: "Jetzt, wo sich die Tür ein wenig öffnet, stoßen Millionen von schwarzen Künstlern sie weiter auf. Das ist wie ein Tsunami. Auf einem Feld wie etwa der Formel 1 mag es weniger Schwarze geben, die auf Teilhabe drängen. Aber wenn es um Kunst geht: Yeah!"

Selbstverständlich richtet dieser Künstler seinen Blick auch auf die Weißen. Der Film mit dem anspielungsreichen Titel The White Album, für den er auf der Venedig-Biennale den Goldenen Löwen gewann, zeigt einen jungen weißen Mann, der nicht unbedingt anmutig oder erotisch, aber doch sehr engagiert und lustig tanzt. Dann spricht da eine blonde YouTube-Schönheit, die sich hilflose Gedanken über Rassismusvorwürfe macht. Man sieht, wie 1992 bei den Unruhen in L.A. ein weißer Trucker von Schwarzen beinahe zu Tode geprügelt wird. Und ein übergewichtiger, rotgesichtiger Mann gibt sich in einem Selfie-Film als ehemaliger Rassist zu erkennen und predigt dann eindrücklich wie einst Malcolm X das Ende der weißen Vorherrschaft.

"Weil wir Schwarzen viel gesehen haben, weil wir von unten kommen, verstehen wir die Weißen sehr viel besser als die Weißen sich selbst", sagt Jafa. Es sei wichtig, das Weißsein als ein psychopathologisches Symptom zu begreifen, als eine sehr fragile Identitätskonstruktion. Denn es basiere nicht auf der Anwesenheit von etwas, sondern auf Abwesenheit. Weiß zu sein bedeute vor allem: nicht schwarz zu sein. "Ich bin für die Abschaffung des Weißseins", sagt Jafa. Das möge sich schockierend anhören, aber mit dem Weißsein seien eben keineswegs die weißen Menschen gemeint. "Ich möchte das Weißsein genauso abschaffen, wie ich das Patriarchat abschaffen möchte. Dass ich gegen das Patriarchat bin, heißt ja auch nicht, dass ich etwas gegen Männer habe."

Auch gegen Kunst von Weißen hat Jafa nichts. Als Vorbilder nennt er neben Miles Davis Stanley Kubrick und seinen Film 2001: Odyssee im Weltraum. Und den italienischen Barockkünstler Bernini. Bestimmt dreißig Mal habe er dessen Marmorskulpturen in der Villa Borghese in Rom besucht, seine Filmcollagen seien stark von Bernini beeinflusst: "Es sind die verdrehten Körper. Es ist die expressive Form, als der schwarze, unbewaffnete Walter Scott 2015 von einem weißen Polizisten in den Rücken geschossen wird, als er versucht aufzustehen und wieder zusammenbricht." Ihn interessiert an diesem historischen Filmdokument auch die ästhetische Qualität. "Das bringt manche Menschen zum Ausrasten, aber wenn ich ganz ehrlich bin: Es liegt eine große Schönheit in der tatsächlichen Bewegung, dem Ablauf, der Kunst dieser Aufnahme."