Als die deutsche Kapitänin Carola Rackete in der vergangenen Woche im Hafen von Lampedusa an Land ging, blickte sie dem gespaltenen Europa mitten ins Gesicht: Am Pier der italienischen Insel standen Menschen, die ihr zujubelten. Und Menschen, die sie wütend beschimpften: "Wir wollen sie in Handschellen sehen!", schrie eine Frau. Man kann die Szenen auf YouTube sehen.

Wenige Stunden zuvor, in der Nacht von Freitag auf Samstag, hatte sich die Notlage an Bord der Sea-Watch 3, des Schiffs der deutschen Rettungsorganisation Sea-Watch, zugespitzt. Von den 53 Menschen, die Carola Rackete und ihre Crew Mitte Juni vor der libyschen Küste gerettet hatten, waren nach 17 Tagen auf See bereits 13 Menschen evakuiert worden: Kinder, Frauen, medizinische Notfälle. Laut dem Gutachten der Schiffsärztin, das der ZEIT in Auszügen vorliegt, handelte es sich teils um lebensbedrohliche Erkrankungen.

In jener Nacht entschied die 31-jährige Kapitänin Rackete, ohne Erlaubnis in den Hafen von Lampedusa einzufahren. Unter den 40 Flüchtlingen, die an Bord weiter ausharren mussten, drohte die Stimmung endgültig zu kippen. So erzählt es der Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer. Auch nach 17 Tagen hatte sich kein europäischer Hafen bereit erklärt, das Schiff einlaufen zu lassen. Die Hoffnung auf ein Ende der Irrfahrt schwand. Und der Druck auf die Kapitänin stieg: "Die Menschen sind zu Carola gekommen und haben ihr ins Gesicht gesagt, dass sie ins Wasser springen, wenn sie nicht an Land gebracht werden", sagt Neugebauer.

Rackete brachte die Menschen nach Lampedusa, trotz Verbot. Sie wurde unter Hausarrest gestellt, verhört – und schließlich am Dienstagabend freigelassen.

Was ging in ihr vor, als sie ihren Entschluss fasste? War die Selbstermächtigung der jungen Kapitänin ein besonnener Akt des zivilen Ungehorsams? Oder eine fahrlässige politische Provokation, die am Ende ausgerechnet Italiens Innenminister, dem rechten Hardliner Matteo Salvini, in die Karten spielen könnte – weil das Flüchtlingsthema nun wieder ganz oben auf der politischen Agenda steht?

Für Salvini ist Rackete ein willkommener Staatsfeind. Er hoffe, dass nicht noch mehr reiche Deutsche kämen, um den Italienern "auf den Sack" zu gehen, sagte er. Das dürfte bei all jenen Widerhall gefunden haben, die sich gut daran erinnern können, dass die EU und auch Deutschland Italien alleingelassen hatten, als das Land noch Flüchtlinge rettete.

Salvinis Lega-Partei und deren Verbündeten in ganz Europa gilt Carola Rackete als Komplizin der Schlepper, die gegen italienisches Recht verstößt – gegen ein neues Gesetz etwa, das die Einfahrt von Rettungsschiffen in italienische Häfen untersagt.

Allerdings gibt es neben dem italienischen noch ein anderes Recht, und auf das beruft sich Rackete: das internationale Seerecht. Es verpflichtet Seeleute, schiffbrüchige Menschen zu retten und sie in einen sicheren Hafen zu bringen. Das Problem ist nur: Das Recht lässt sie mit dieser Pflicht allein. Weil es nicht festlegt, wer die Geretteten aufnehmen muss.