Christine Lagarde soll Chefin der Europäischen Zentralbank werden. © Voss/​Redux/​laif

München, im Februar dieses Jahres. Christine Lagarde ist in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, um an der Münchner Sicherheitskonferenz teilzunehmen. Eine Dreiviertelstunde hat sie für ein Gespräch mit der ZEIT, danach muss sie weiter, einen Vortrag halten, Hände schütteln.

Es soll eigentlich ein Gespräch über die Lage der Weltwirtschaft werden, so ist es mit Lagardes Büro vereinbart. Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist schließlich auch so etwas wie die oberste weltweite Finanzkrisenbekämpferin.

Es wurde dann: ein Gespräch über die Erderwärmung. Das Thema ist Lagarde wichtig, und deshalb treibt sie es voran, auch wenn es nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt.

Was die Episode zeigt: Christine Lagarde lässt sich nicht auf die Rolle der Finanztechnokratin festlegen. Und ausgerechnet so jemand soll nun die Europäische Zentralbank (EZB) übernehmen, gewissermaßen die finanztechnokratischste aller finanztechnokratischen Institutionen? Eine Behörde, die Europa mit Geld überschwemmt hat und damit wie keine zweite zum Symbol geworden ist für die ideologische Spaltung des Kontinents in der vergangenen Dekade. Kann das passen?

Es ist jedenfalls damit zu rechnen, dass sich Lagarde auch als Notenbankpräsidentin in das politische Geschehen einmischen wird, obwohl Zurückhaltung dort eigentlich zur Stellenbeschreibung gehört. Die EZB ist eine unabhängige Organisation, sie darf ganz allein entscheiden, wie viel Geld sie in die europäische Wirtschaft pumpen will, und braucht dafür nicht die Zustimmung der Parlamente. Im Gegenzug wird von Zentralbankern erwartet, dass sie ihrerseits die Politiker in Ruhe lassen.

Wenn Lagarde sich an diese Arbeitsteilung halten wollte, dann müsste sie sich schon sehr verändern. Sie hat in den vergangenen Jahren immer wieder klar Position bezogen: zur Flüchtlingspolitik von Angela Merkel ("Deutschland hat Humanität bewiesen, die Geschichte wird sich daran erinnern"), zur Sparpolitik von Wolfgang Schäuble ("Ich bin der Meinung, dass Deutschland mehr investieren könnte") oder auch zur allgemeinen sozialen Lage auf der Welt ("Die Ungleichheit der Vermögen und Einkommen hat in vielen Staaten ein problematisches Ausmaß angenommen").

Dabei ist Lagarde alles andere als eine klassische französische Linkspolitikerin. Sie gehört der konservativen Partei an. Mit der in ihrem Heimatland verbreiteten Amerikakritik kann sie wenig anfangen. Schon mit 18 ging Christine Lagarde in die USA und machte dort später Karriere bei der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac ernannte sie zur Handelsministerin, sein Nachfolger Nicolas Sarkozy schließlich zur Finanzministerin.

Trotzdem hat Lagarde den IWF konsequent neu ausgerichtet. Er war bis in die Neunzigerjahre hinein vor allem dafür bekannt, in Asien, Afrika und Lateinamerika Sparprogramme und freie Märkte durchzusetzen, oft allerdings ohne die Rücksicht auf die sozialen Folgen. Heute erinnern die Politikempfehlungen des IWF eher an Wahlprogramme der SPD – und zwar aus der Zeit vor der Agenda 2010. So hat sich Lagarde für einen Schuldenschnitt für Griechenland ausgesprochen und auch für eine Lockerung der dortigen Sparauflagen.

Anders gesagt: Die Französin hat in ihrer Amtszeit aus der Kathedrale des Kapitalismus eine Reformkirche der sozialen Marktwirtschaft gemacht. Wenn man sie selbst darauf anspricht, sagt sie, dass sie sich nicht von politischen Vorlieben leiten lasse, sondern von ökonomischen Erkenntnissen. Das ist insofern plausibel, als dass beim IWF mehr als 1.000 Ökonomen arbeiten. Wer sich dort behaupten will, muss die neuesten Theorien und Analysen parat haben. Anderseits aber ist die Ökonomie nun einmal keine exakte Wissenschaft und damit immer auch politisch.

Und auf diesem Gebiet denkt Lagarde dann doch sehr französisch. Wie Emmanuel Macron ist sie davon überzeugt, dass die Europäische Währungsunion enger zusammenwachsen muss, um für die Zukunft gerüstet zu sein. So hat sie vorgeschlagen, einen milliardenschweren Krisenfonds einzurichten, aus dem sich Euro-Länder in Finanznöten bedienen können. Das soll funktionieren wie bei einer Autoversicherung: Wer einbezahlt hat, der hat im Schadensfall Anspruch auf Auszahlungen.

Vor allem aber hat Lagarde immer die in Deutschland umstrittene Krisenpolitik des derzeitigen EZB-Chefs Mario Draghi unterstützt. Draghi drückte die Zinsen auf immer neue Tiefststände, um die Wirtschaft vor allem in Südeuropa zu stützen. Das ist zwar gelungen, aber er verärgerte damit viele deutsche Sparer, die auf ihr Erspartes kaum noch Zinsen bekommen.

Lagarde dürfte an Draghis Kurs also erst einmal nicht viel ändern, darauf deuten auch die ersten Reaktionen an den Finanzmärkten hin. Als ihre Nominierung am Montag bekannt wurde, gab der Euro erst einmal nach – ein Indiz dafür, dass die Investoren mit anhaltend niedrigen Zinsen rechnen. In Deutschland dürfte die Neue damit einen schweren Stand haben.

In der EZB selbst ist die Entscheidung denn auch gemischt aufgenommen worden. Lagardes Gegner sagen: Sie hat noch nie in einer Zentralbank gearbeitet und agiert zu politisch. Ihre Freunde sagen: Für das Fachliche gibt es Berater, und ein Verständnis der politischen Zusammenhänge ist in Zeiten wie diesen notwendiger denn je.

Lagarde wird versuchen, die beiden Lager zu versöhnen, ihr diplomatisches Geschick hat sie in den vergangenen Jahren auf zahlreichen internationalen Gipfeltreffen unter Beweis gestellt. Aber klar ist auch: Sie steht für ein stärker zentralistisch organisiertes Europa, in dem die Mitgliedsstaaten auch finanziell füreinander einstehen.

Das ist in diesen Zeiten durchaus ein interessantes Signal.