Frage: Die "Mamele" ist in der jüdischen Lebenswelt der Inbegriff der Mutterliebe, mit einer Fürsorglichkeit, die schon mal hysterische Züge annehmen kann. Sie haben Ihre Autobiografie Mamsi und ich vorgelegt. Und heraus kam eine Leidenspassion.

C. Bernd Sucher: Meine Mutter war während des Holocausts schlimmster Gewalt ausgesetzt. Ich kann mich nur wundern, dass sie nach dem Krieg überhaupt die Kraft hatte, zwei Kinder in die Welt zu setzen und großzuziehen. Sie war liebesunfähig, nichts konnte ich ihr recht machen, sosehr ich mich auch bemühte.

Frage: Wählten Sie deshalb als Untertitel "Die Geschichte einer Befreiung"?– Das ist ein Tabubruch. Am Tag der Befreiung feiert man doch das Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ...

Sucher: Der Titel tut weh. Aber er ist mit Bedacht gewählt. Ich habe mit meiner Verlegerin diskutiert, ob wir dieses so aufgeladene Wort in den Plural setzen sollen. Meine Mutter befreite sich aus dem KZ, das hat sie ja nun geschafft, und ich befreie mich mit diesem Buch von meiner übermächtigen Mutter.

Frage: Kann man sich denn überhaupt aus so einem familiären Gewaltverhältnis lösen?

Sucher: Das Buch ist der Versuch einer Loslösung. Zu ihren Lebzeiten hätte ich mich niemals getraut, es zu schreiben. Denn mein ganzes Denken und Handeln war darauf fixiert, ihren Ansprüchen nicht nur zu genügen, sondern sie auch noch zu übertreffen.

Frage: Dass Sie damit keinen Erfolg haben konnten, gehört zu diesem zwanghaften System.

Sucher: Dass mir die Befreiung letztlich nicht gelungen ist, darüber bin ich mir klar. Es ist auch kess, wenn ich am Ende als nun bald Siebzigjähriger behaupte: Ich bin jetzt erwachsen.

Frage: Wie war denn die Ausgangslage für diesen filmreifen Stoff?

Sucher: Die mütterliche Linie, wohlhabende assimilierte Möbelhausbesitzer in Bitterfeld, wurde zwangsenteignet. Die Ausreise in die USA scheiterte trotz Visum. Großmutter und Mutter wurden ins KZ Belzec nach Polen deportiert. Mein Großvater väterlicherseits wiederum war ein strammer Protestant und stellte am selben Ort chirurgische Instrumente her. Er sympathisierte mit den Nazis und nutzte dies wohl auch geschäftlich. Sie müssen zugeben, das Drehbuch hat es in sich!

Frage: Umso mehr fällt auf, dass Sie in Ihrem Buch die Schuld Ihres Großvaters Oskar Sucher nur am Rande erwähnen, wo doch der Riss zwischen Täter und Opfer nicht nur durch die Religionen geht, sondern sogar durch die Familie!

Sucher: Im Zentrum meines Planetensystems stand die Mutter. Der Vater war ein Nebentrabant, der kreiste eben mit. Der von meinem Großvater verkörperte Protestantismus beschäftigte mich nur so weit, wie er Einfluss nahm auf das Leben meiner Mutter. Er hat der Hochzeit seines Sohnes mit einer Jüdin nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie vertraglich einwilligt, ihre Kinder protestantisch zu erziehen. Auf gar keinen Fall sollten sie den jüdischen Glauben annehmen dürfen.

Frage: Ein zweiter Versuch der Auslöschung. Warum hat sie sich darauf eingelassen?

Sucher: Meine Mutter ist in ihren Heimatort zurückgekommen in der Hoffnung, dass ihr das verlorene Erbe wieder restituiert wird. Die Situation war ja für alle schrecklich bizarr: für meinen evangelischen Großvater, dass sein Sohn ausgerechnet eine Jüdin heiratet, und für meine Mutter, die sich einen Mann nimmt, dessen Vater als Kirchenrat den Nazis nahestand und sich an jüdischem Eigentum bereichert hat.

Frage: Sie pflegten ja schon in Ihrer Kindheit ziemlich konsequent das Image eines Außenseiters ...

Sucher: Dazu hat mich meine Mutter gemacht, sie war es, die mich abgestempelt hat. Sicher habe ich danach dieses Bild selbst auch kultiviert. Doch anders als meine Mutter habe ich nie etwas versteckt, in der Klasse zum Beispiel zeigte ich den anderen Schülern, dass ich mich für intelligenter hielt, und wurde für meine Arroganz natürlich bestraft. Ich habe auch nicht geheim gehalten, dass ich schwul bin. Ich hätte es mir wahrlich leichter machen können, denn das Zerwürfnis mit meinen Eltern nach meinem Coming-out war riesig.

Frage: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie als Kind keine Freunde hatten und Sie Ihre Mitschüler mit Geld, Geist und Charme bestechen mussten.

Sucher: Ich weiß, das klingt wie das alte semitische Vorurteil: Der Jude findet keine Freunde, es sei denn, er kauft sie sich oder wickelt sie mit seinem Esprit ein. Aber was sollte ich machen? Ich war schlecht im Sport und musisch veranlagt. Mein Vater warf meiner Mutter vor, sie hätte mich verzärtelt.