Trachtenmode: Wie das Dirndl sexy wurde

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Es ist nicht älter als der Bikini. Aber wer hat die freizügige Alpentracht erfunden? Von
ZEIT Österreich Nr. 28/2019

Es ist die weibliche Uniform fürs Oktoberfest und für die Konzerte von Andreas Gabalier. Fußballergattin Cathy Hummels trägt es ebenso wie Bayerns Grünen-Chefin Katharina Schulze: Das Dirndl ist der Mode gewordene Inbegriff von Tradition und Erotik.

Doch das Kleid, wie wir es heute kennen, mit tiefem Ausschnitt und eng geschnürter Taille, das uns gern als jahrhundertealte Folklore verkauft wird, ist nicht viel älter als der Bikini – und es hat eine braune Vergangenheit.

Ursprünglich aus alter Bettwäsche oder sonstigen Lumpen gefertigt, sah das Dirndl alles andere als anmutig aus. "Es handelte sich um ein grobes, wenig schmeichelhaftes Gewand ohne modischen Schnitt, das ganz im Sinne der katholischen Kirche mehrheitlich dazu diente, Arme, Beine und Dekolletee zu verdecken", sagt die Ethnologin Elsbeth Wallnöfer. Die Südtirolerin hat jahrzehntelang über die Alpenburka geforscht. Erste bildliche Überlieferungen stammen vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Die einfachen Landfrauen in Deutschland und Österreich trugen das Ur-Dirndl vornehmlich in Grau und Braun.

Trotz seines unvorteilhaften Schnitts inspirierte das Kleid die Mode. Bürgerliche Städterinnen, sogenannte Sommerfrischlerinnen, meist jüdischer Herkunft, wollten sich passend für die Sommerferien kleiden und zitierten den Look der Bauernmägde. Ein Fall von cultural appropriation, kultureller Aneignung? Die Ethnologin Wallnöfer nennt es lieber "Binnenexotik, das Spiel mit der Fremdartigkeit des Eigenen". Die reichen Ladys wollten den Alpenlook tragen, aber in edlen Stoffen und mit schönen Schnitten. Kaufleute erkannten die Nachfrage, und bald gab es Dirndlkleider in Konfektionshäusern zu kaufen. Das Sportgeschäft Lanz und Mahler in Salzburg kleidete Stars wie Marlene Dietrich, die wichtigste deutschsprachige Influencerin des frühen 20. Jahrhunderts, zu den Festspielen ein. Und schon damals galt: Was die Stars tragen, wird kopiert. 1930 dann feierte in Berlin die Operette Im weißen Rößl ihre Premiere – und avancierte zum Hit. Nun wollte jede Frau ein Dirndl tragen.

Ende der 1930er-Jahre tauchten in deutschen Modezeitschriften zahlreiche Schnittmuster für Dirndl auf. Allerdings verbunden mit dem Hinweis, dass es jüdischen Frauen untersagt sei, diese Art von Kleidern zu tragen. Zur selben Zeit arbeitete Gertrud Pesendorfer im Auftrag des SS-Ahnenerbes und der Mittelstelle Deutsche Tracht am Redesign der deutschen Frau. Die glühende Nazi-Anhängerin nahm die Arbeitskleider der Bäuerinnen als Mustervorlage für ein nationales Kleidungsstück, fuhr raus aufs Land, um die Frauen zu vermessen und sich Inspiration für ihr Propagandakleid zu holen.

Der Nazi-Couturière Pesendorfer war es ein Dorn im Auge, dass auch jüdische Kaufleute mit einem Kleidungsstück Geld verdient hatten, das in ihren Augen deutsch war. Die "erneuerte Tracht" sollte die Rückbesinnung auf einfache Werte wie Tüchtigkeit hervorheben. "Sie wollte das Dirndl bewusst weniger katholisch, weniger international, weniger opulent, weniger schwer im Stil gestalten", sagt die Ethnologin Wallnöfer. Sie spricht von "gezähmter Erotisierung". Die Reichsbeauftragte legte die Arme frei, hob die Rocklänge an, ließ den Unterrock neckisch herausschauen, machte die Taille enger und vergrößerte das Dekolletee. Die Schleife der Schürze wurde zur Flirt-Hilfe: links gebunden bedeutete Single, rechts gebunden verheiratet und hinten geschnürt verwitwet. Im ganzen Reich haben die Nazis das Bauernkleid umgemodelt. Die verschont gebliebenen Schweizerinnen hingegen tragen ihre Tracht bis heute hochgeschlossen.

Es dauerte nach dem Krieg ein paar Jahrzehnte, bis das Dirndl wieder salonfähig wurde. Aber spätestens 1972, nachdem sich Silvia Sommerlath bei den Olympischen Spielen in München im Alpen-Look den schwedischen Kronprinzen geangelt hatte, war der Boom nicht mehr zu stoppen. Die Marketingmaschine Olympia verkaufte die deutsche Frau als Dirndl tragende, Bier trinkende Schönheit mit Flechtzöpfen. Der Regisseur Franz Marischka sprang auf die Sexwelle der 1970er-Jahre auf und zementierte dieses Image mit seinen bizarren Lederhosen-Softpornos (Liebesgrüße aus der Lederhose, Unterm Dirndl wird gejodelt).

In München war das Dirndl allerdings schon länger sexy. Es war seit Ende des 19. Jahrhunderts das Pin-up-Dress der Münchner Schürzenliesl: "Auf dem Werbeplakat des Münchner Kindl Bräus von damals", erzählt Wallnöfer, "trägt die Schürzenliesl fesche Strümpfe, zeigt ein ordentliches Dekolletee und tanzt mit Bierkrügen in der Hand auf einem Weinfass."

Heute hat das Dirndl längst nichts mehr mit guter deutscher Bescheidenheit zu tun, sondern steht für: Sex und Bier. In den 1990er-Jahren ließ der TV-Master Thomas Gottschalk die Schauspielerin Salma Hayek im Dirndl auf seiner Wettcouch herumhopsen, und die It-Girls Paris Hilton und Kim Kardashian zeigten sich im Trachten-Look auf der Münchner Wiesn. "Wir sind eben eine Spaßgesellschaft", sagt Wallnöfer. Da kommen Dirndl und Lederhose als Uniform der Unbekümmertheit gerade recht. Selbst in Schweizer Käffern brezeln sich die Jugendlichen mit Polyester-Dirndln auf, und es entstehen Hipster-Dirndl-Labels wie Kinga Mathe. High-Fashion-Brands wie Dolce & Gabbana schunkeln beim Trachtenfest mit, Vivienne Westwood jagte ihre Models im Punk-Pornoheidi-Chic über die Londoner Laufstege, und Karl Lagerfeld entwarf ein Goth-Dirndl, das Fashionistas von Dubai bis Moskau trugen. Hartnäckig hält sich jedoch auch das Missverständnis, dass das Dirndl absolut jeder Frau stehe.

Elsbeth Wallnöfer begrüßt die endgültige Demokratisierung des Dirndls: "Wenn die Discounter Billig-Dirndl verkaufen, schließt sich der Kreis." Das Modestück ist wieder ein Kleid für jederfrau. Politisch aufgeladen ist es allerdings nach wie vor, sagt die Ethnologin: "Oder warum erntet eine schwarze Frau noch heute einen Shitstorm, wenn sie Dirndl trägt?"

"Never let the fascists have the Dirndl", fordert deshalb eine Gruppe von österreichischen Frauen. Mit dem Schlachtruf "Reclaim the Dirndl" wollen sie das Kleidungsstück den Rechten entreißen. Doch für eine modisch korrekte Kehrtwende und eine ernsthafte politische Auseinandersetzung ist #bayernlove längst ein viel zu großes Business.

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