Am Montag hatten die Staats- und Regierungschefs noch "versagt", am Dienstag endete der jüngste EU-Gipfel mit einer Sensation. Selten waren politische Kommentare so rasch überholt wie in diesen Tagen. Das mag an den schnell wechselnden Winden der Weltgeschichte liegen, vielleicht liegt es aber auch an den Kommentatoren. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union jedenfalls haben sich nach langem Ringen auf einen Vorschlag für das künftige Spitzenpersonal verständigt, der ein spektakuläres Ausrufezeichen setzt.

Mit Ursula von der Leyen und Christine Lagarde sollen künftig zwei Frauen die beiden mächtigsten Ämter in der EU übernehmen, eine Deutsche und eine Französin. Stimmt die Mehrheit der Europaabgeordneten dem Vorschlag zu, würde von der Leyen künftig die EU-Kommission führen. Lagarde wird aller Voraussicht nach im Herbst den Italiener Mario Draghi an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) ablösen. Beide Kandidatinnen sind zugleich liberal und konservativ, damit vertreten sie eine politische Mitte, die in vielen europäischen Ländern gerade mächtig unter Druck steht.

Selten waren die Beratungen des Europäischen Rates so transparent

Dass die beiden Frauen sind, ist an sich noch kein Verdienst. Und doch ist es ein Aufbruch. In mehr als 60 Jahren standen bislang überhaupt nur zwei Frauen an der Spitze einer der europäischen Institutionen.

Europa wird weiblicher werden, aber was noch wichtiger ist: Europa wird globaler werden. Lagarde und von der Leyen denken international, sie verfügen über persönliches Ansehen und Erfahrung in der Welt; die bisherige IWF-Chefin noch mehr als die deutsche Verteidigungsministerin. Damit passen sie gut in eine Zeit, in der die EU im globalen Wettbewerb herausgefordert wird wie nie zuvor. Wirtschaftlich durch die Handelspolitik von Donald Trump und den Aufstieg Chinas; sicherheitspolitisch in der Ukraine, im Nahen Osten oder in Nordafrika.

Von der Leyen und Lagarde werden diesen Wettbewerb nicht allein ausfechten können. Aber ihre Nominierung ist ein Symbol dafür, dass die EU-Länder die globalen Herausforderungen gemeinsam aufnehmen wollen. Trotz aller internen Differenzen.

Natürlich kommen jetzt die vorhersehbaren Klagen. Aus dem Europaparlament, in dem sich viele Abgeordnete genötigt fühlen, einem Vorschlag zuzustimmen, an dem sie selbst nicht beteiligt waren. Oder von Sigmar Gabriel, der einen "Schlag ins Gesicht der Wähler" beklagte, noch bevor der Gipfel in Brüssel überhaupt beendet war. Von "Postengeschacher" ist die Rede, weil keiner der Spitzenkandidaten, die bei der Europawahl angetreten waren, nun bei der Wahl zum Kommissionspräsidenten zum Zuge kommt.

Ist die spektakuläre Nominierung also in Wahrheit eine Niederlage für die europäische Demokratie?

Tatsächlich waren die Beratungen des Europäischen Rates selten so transparent wie in den vergangenen Tagen. Namen von möglichen Kandidaten wurden genannt und wieder verworfen; viele Regierungschefs argumentierten öffentlich, warum sie diesen oder jenen Kandidaten unterstützten oder ablehnten. Es stimmt schon, von der Leyen kam erst spät ins Spiel. Aber zu den Ersten, die sie unterstützten, gehörten die mittel- und osteuropäischen EU-Länder, die oft als Quertreiber wahrgenommen werden.

Das Wesen der europäischen Politik besteht im Ausgleich nationaler (und parteipolitischer) Interessen, das gilt auch und erst recht für das Spitzenpersonal. Auf diesen Ausgleich zu achten ist eine der wichtigsten Aufgaben des Rates, in dem die Interessen aufeinanderprallen. Dabei verfügen die Staats- und Regierungschefs nicht über weniger demokratische Legitimation als die Abgeordneten des Parlaments. Zu Recht sehen die Verträge deshalb vor, dass die beiden, Rat und Parlament, sich bei der Wahl der Kommissionsspitze einigen müssen. Der Versuch, dieses Zusammenspiel durch Spitzenkandidaten auszuhebeln, hat die EU nicht demokratischer gemacht, sondern zu neuen Konflikten geführt.

Die Europaabgeordneten haben nun das letzte Wort, sie müssen über die Kommissionspräsidentin abstimmen. (Über die EZB-Chefin können sie nicht mitentscheiden.) Sie werden von der Leyen nun prüfen, ihre politischen Positionen und ihre Leistungen als Ministerin. Dann muss jeder Abgeordnete entscheiden, ob er sie unterstützt oder ablehnt. So demokratisch geht es zu in der EU.