Auf dem Baum der Erkenntnis – Seite 1

So populär hat das Klima sonst wohl nur Greta gemacht. Wenn Felix Finkbeiner nicht an der ETH Zürich promoviert, sitzt er mit schickem Jackett in Talkshows oder hält Vorträge vor Unternehmern. Finkbeiners Geschichte hat nicht mit Hitze und Dürre, sondern mit Bäumen zu tun. Mit neun pflanzte er seinen ersten Baum vor seiner Schule. Mit 13 Jahren hielt er eine Rede vor den Vereinten Nationen. Auf Plakaten warben der Fürst von Monaco, Til Schweiger, Gesine Schwan, Klaus Töpfer, Harrison Ford und Gisele Bündchen für das Projekt Plant-for-the-Planet, das heute das von Finkbeiner ist. Sein Kalkül: Mit Aufforstungen in Afrika und Südamerika CO₂ zu binden, um die Klimaerwärmung zu bremsen. Felix war Greta, bevor es Greta gab, der Donnerstag vor "Fridays for Future". Felix Finkbeiner ist der Junge, dessen Kinder- und Jugendbewegung nach eigenen Angaben mehr 15 Milliarden Bäume in die Welt gesetzt haben will.

Doch das ist weit übertrieben.

Im März berichtete die ZEIT (Nr. 11/19), dass die Zahlen der NGO Plant-for-the-Planet fragwürdig seien. 12,5 der 15 Milliarden Bäume ihres Online-Baumzählers stammen von einem alten UN-Projekt, das vor allem staatliche Aufforstungen vorangetrieben hatte. Ursprünglich war Plant-for-the-Planet nämlich 2003 als ein Kinderprogramm der Umweltagentur der Vereinten Nationen gegründet worden. Dessen Nachfolge hatte Finkbeiners NGO nur formell übernommen, aber den Anschein erweckt, als gingen die Bäume auf die Initiative von Finkbeiner und seinen Mitstreitern zurück. 1,7 Milliarden Bäume, teils aus dem UN-Projekt, teils neueren Ursprungs, entpuppten sich in der Datenbank als Luftbuchung. Obwohl die NGO versichert, alle großen Einträge zu prüfen, waren Zahlen bisweilen auf komödiantische Weise ausgedacht. Eine Milliarde Bäume sollten von zwei Einzelpersonen gepflanzt worden sein. Dem Braunkohle-Konzern RWE dichtete jemand 100.000 Bäume an. Ein Test-Eintrag der IT-Abteilung, wonach die "Willy Wonka Chocolate Factory" 430.000.001 Bäume gepflanzt haben soll, blieb zwei Monate unbemerkt im Ranking. Plant-for-the-Planet räumte die Fehler ein.

Aber stand Finkbeiner auch dazu? Schon wenige Wochen später wurde er im ZDF-Morgenmagazin auf die irreführenden Zahlen angesprochen. "Was macht das mit dir, wenn du so was liest?", fragte der Moderator. Finkbeiner beschwichtigte routiniert: Spaßvögel hätten falsche Einträge gemacht. Man versuche das immer schnell zu löschen, aber da seien ihnen "ein paar durchgegangen".

Ein paar? Im Gespräch mit der ZEIT redet Finkbeiner dann endlich Klartext. Er wirkt nicht so, als ob er sich dabei wohl fühlt.

Der Besprechungsraum in der Zürcher Universität, den er für das Interview aussuchte, gleicht einer Verhörkammer. Ein Tisch, ein paar Stühle, kahle Wände. Angespannt sitzt der 21-Jährige am Tisch. Kurz nach der Begrüßung folgt schon die Entschuldigung. Ja, er habe falsche Zahlen in die Welt gesetzt: "Es ist mir riesig peinlich und ist absolut Scheiße." Man habe die Fake-Bäume einfach übersehen. Den Fernsehauftritt entschuldigt er gleich mit: "Ich hatte etwa 15 Minuten und versuchte unsere wichtigen Botschaften rüberzubringen." Dann folgt eine erstaunliche Erklärung: "Meine Aufgabe ist es, die Leute zu begeistern."

Eine Begeisterung, die auf zweifelhaften Zahlen beruht. Doch die Botschaft ist einfach zu verführerisch. Bäume pflanzen, um CO₂ zu kompensieren. Das kommt selbst bei Konservativen gut an. Schon 2009, da war er gerade elf Jahre alt, verlieh ihm Bayerns damaliger Umweltminister Markus Söder (CSU) die Bayerische Staatsmedaille für besondere Verdienste um die Umwelt. Vergangenes Jahr folgte das Bundesverdienstkreuz. Bei Markus Lanz meinte er, in Afrika Bäume zu pflanzen würde auch klimatische Fluchtursachen bekämpfen. Und er trägt das mit einer solchen jugendlichen Begeisterung vor, die es einem leicht macht, ihm zu glauben.

Zu Beginn hatte sein Vater noch befürchtet, dass er mit dem Trubel überfordert sei

Die Ambivalenzen erklären will der Mann, der Plant-for-the-Planet gegründet hat – erst als Initiative ohne eigenes Spendenkonto, heute als Stiftung: Frithjof Finkbeiner, der Vater. Reich geworden mit Baustoffhandel kurz nach der Wende, wandte sich Frithjof Finkbeiner der Aufgabe zu, "die Welt ins Gleichgewicht zu bringen". Er wurde Club-of-Rome-Mitglied und landete bei Desertec, dieser Idee, Europa mit Solarstrom aus Afrika zu versorgen. Desertec scheiterte, aber eine nicht weniger groß gedachte Idee zündete: Bäume pflanzen gegen den Klimawandel. Felix, sagt Finkbeiner senior, habe ihn durch ein Schulreferat darauf gebracht. Der Senior arrangierte, dass sein Sohn sein Referat auch vor dem Rotary-Club vortragen konnte. "Ich hatte gemerkt: Das ist unglaublich, wenn das sogar Leute erreicht, die nichts mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Diese ehrliche, kindliche Emotionalität, dass man sich für das Kind nachhaltig verhalten soll", sagt er. Der Senior gründete dem Junior eine NGO zum Bäumepflanzen an Schulen. Die Anschubfinanzierung in Höhe von insgesamt über 100.000 Euro kam vom Autobauer Toyota. Dem letzten zugänglichen Finanzbericht von 2016 zufolge nahm die Stiftung 2,8 Millionen Euro ein und gab 2,9 Millionen Euro aus. Vor allem in Mexiko wurden mit dem Geld Bäume gepflanzt. Die Einnahmen stammen zu einem guten Drittel von Unternehmen, über 800.000 Euro aber auch aus dem Verkauf von Schokolade und Lizenzen.

"Heute schon einen Baum gepflanzt?"

Der Erfolg des Projektes habe Finkbeiner senior völlig überrascht, gesteht er heute ein: Über die erste Pressekonferenz des kleinen Felix habe es Hunderte Medienberichte gegeben, erzählt der Vater. Er habe Panik bekommen, dass das seinen Sohn überfordern könne. "Meine Frau und ich haben gesagt: Wir verbieten das. Wir haben einen Freund angerufen, dass er eine Comic-Figur machen soll. Felix als Name war schon gesetzt." Felix, die Comic-Figur, sollte ein Baum werden, der einen ständig mit der Frage nervt: "Heute schon einen Baum gepflanzt?"

Am Ende entschied sich die Familie dafür, doch den echten Jungen auftreten zu lassen. Der kämpft für den guten Zweck und erzählt dafür bisweilen Märchen. In einem Video sagt er, die UN habe den "offiziellen Baumzähler der Welt" an Plant-for-the-Planet übertragen. Aber die Welt hat keinen offiziellen Baumzähler. Der FAZ erzählte er, Plant-for-the-Planet habe an der ETH Zürich ein Institut gegründet. Die Technische Hochschule stellt daraufhin klar, sie gründe ihre Institute selbst. Und dann erzählt er in einem Interview Ende 2018 von seinen größten Erfolgen des Jahres. Unter anderem seien eine Milliarde Bäume gepflanzt worden. Aber die Milliarde Bäume hatte Pakistan gepflanzt und lediglich in den Baumzähler eingetragen. Plant-for-the-Planet hatte nichts damit zu tun. "Das war ein Riesenquatsch. Ich schäme mich auch richtig. Ich kann nur Entschuldigung sagen", sagt Finkbeiner heute. Er habe das Interview mit dem Spiegel Online-Ableger bento nicht so ernst genommen: "Ich stelle nicht Sachen absichtlich falsch dar."

Mit fragwürdigen Zahlen veranstaltet die NGO in Monaco ein Riesenspektakel

Finkbeiner hat eine Mappe mitgebracht, um zu zeigen, was sie bei Plant-for-the-Planet alles richtig machen. Es ist nicht wenig. Sie organisieren Workshops für Zehntausende Kinder. Sie betreiben eine Baumschule in Mexiko, wo sie für drei verkaufte "gute Schokoladen" einen Baum pflanzen. Alles finanziert über Privatspenden, mit 30 Büro-Mitarbeitern in Tutzing.

Finkbeiner ist jetzt in seinem Element und zeigt sogar etwas Neues: die Plant-for-the-Planet-App. Aufforstungsprojekte präsentieren ihre Grundstücke, Spender stiften dafür Bäume. Konkurrieren diese Flächen nicht mit der Landwirtschaft? Auch da hat Finkbeiner eine Antwort. "Beim Soja-Anbau in Südamerika gehen die Böden relativ schnell kaputt, das Land verliert an Fruchtbarkeit, dann ziehen Bauern weiter, und die alte Fläche ist landwirtschaftlich nicht mehr wertvoll", erklärt er.

Das Problem ist nur: Was Finkbeiner antreibt, ist kein Bäumepflanzen auf dem Schulhof mehr, sondern ein politischer Kampf um Platz. Um das zu verstehen, muss man sich das Gebiet anschauen, auf dem Finkbeiner heute promoviert.

Zum Aufforsten braucht man Wald-Daten. Institute wie das an der ETH Zürich lassen Algorithmen über Satellitenbilder und Karten laufen, um zu berechnen, wo vor allem in Afrika und Südamerika noch aufgeforstet werden könnte. Das Institut leitet der junge Professor Thomas Crowther, der zugleich wissenschaftlicher Beirat von Finkbeiners Projekt ist. Im Rahmen einer Studie zählte er die Bäume auf der Welt. Sein Ergebnis überraschte, denn demnach gibt es auf der Welt siebenmal mehr Bäume als bisher angenommen: drei Billionen.

Da blieben ganz viele Fragen offen, sagt Christoph Kleinn vom Institut für Waldinventur der Universität Göttingen. Schon die Definition davon, was ein Baum ist, sei "schwierig". Aber Crowthers Studie schaffte es in die renommierte Wissenschaftszeitschrift Nature. Vater und Sohn Finkbeiner halfen Crowther, Geld für weitere Studien aufzutreiben, um zu berechnen, für wie viele Bäume noch Platz sei und wie viel CO₂ sie aufnehmen könnten. Felix Finkbeiner promoviert derzeit – nach einem Bachelor in Internationalen Beziehungen – bei ihm.

Er ist Medienprofi genug, um zu verstehen, dass er am Institut nicht nur Bäume zählen soll. "Die Labore sind alle riesig enttäuscht, dass sich niemand ihre Forschung anguckt", sagt Finkbeiner. Beim CrowtherLab ist das anders: Plant-for-the-Planet ist auch so etwas wie die PR-Abteilung des Instituts. Im vergangenen Jahr unterzeichneten die Finkbeiners, Fürst Albert von Monaco, Professor Crowther und andere mit viel Brimborium in Monaco die "Trillion Tree Declaration". Dass ihre Deklaration mit den fragwürdigen Zahlen aus dem Baumzähler begann? Geschenkt. Plant-for-the-Planet machte aus einem Studienergebnis ein Spektakel.

Die Gefahr ist, dass das auch jene begeistert, die mit Bäumen einfach CO₂-Ausstoß kompensieren wollen. Shell etwa hat ein klimaneutrales Tanken angekündigt: Wer in den Niederlanden Shell V-Power tankt, pflanzt indirekt auch Bäume. "Wir sind in unserer Botschaft ganz klar, dass Bäumepflanzen nur ein Teil der Lösung ist", betont Finkbeiner. Mit Shell oder Lufthansa werde man nicht zusammenarbeiten. Anderen Firmen bietet Plant-for-the-Planet allerdings an, Bäume zum CO₂-Ausgleich zu pflanzen. Am Ende, sagt Felix Finkbeiner, sollen es Tausend Milliarden Bäume werden.