Wohin bloß in den Sommerferien? Für Alfred Bukowski ist das keine Frage. Während andere Familien jedes Jahr neu über "In die Berge oder ans Meer?" diskutieren, gibt sich der Zehnjährige keinen Illusionen hin. Bei ihm zu Hause ist die Lage sowieso immer die gleiche: "Es war einfach nie genug Geld da für Ferien woandershin oder so." Was Alfred – oder Alf, wie ihn alle nennen – aber nicht weiter juckt. Denn genauso wie er weiß, was nicht drin ist, hat er auch ein gutes Gespür für das wirklich Wichtige: dass es zu Hause allen gut geht, zum Beispiel. Und dass Robbie endlich richtig schwimmen lernt. Robbie, eigentlich Robert, ist Alfs siebenjähriger Bruder. Mit dem alles in Ordnung ist, wie Alf schnell betont: "Es stimmt nicht, dass er behindert ist oder zurückgeblieben. Er ist nur anders. Wenn er malt, sieht es aus, als hätte ein Baby das Bild gemalt, oder ein Alien. (...) Und er spricht auch nicht viel, sondern zeigt lieber auf Sachen."

Robbie und Alf sind Mitglieder der vielleicht etwas eckigen, aber grundsympathischen Familie Bukowski aus der Georg-Elser-Straße. Einer Familie, in der das Geld knapp ist, aber alle zufrieden sind mit sich und der Welt: Alfs starker und gut gelaunter Papa, der Taxi fährt. Alfs Mama, die in der Bahnhofsbäckerei arbeitet und sich auf ihre Kinder verlassen kann. Und nicht zu vergessen Alfs achtjährige Schwester Katinka, die hart an ihrem Lebensziel arbeitet: perfekt Französisch zu sprechen, um später eine elegante Dame zu werden. Was sie bis auf Weiteres allerdings nicht am Schimpfen hindert, und notfalls auch nicht am Schlagen.

Dass Alf, Robbie und Katinka in Will Gmehlings Kinderroman Freibad einen "ganzen Sommer unter dem Himmel" verbringen können, wie der Untertitel verrät, dass dieser Sommer doch ein besonderer wird, verdanken die Geschwister einem Zufall und ihrer Geistesgegenwart. Als eines Tages im Hallenbad ein Kleinkind ins Wasser plumpst, während seine Mutter am Handy hängt, fischen die Geschwister es heraus. Keine große Sache, findet Alf. Der Bademeister, die aufgelöste Mutter und die anderen Schwimmbadgäste sehen das anders: Zur Belohnung gibt es Freibad-Dauerkarten. Für alle drei, für die ganze Saison.

Ein Glücksfall für Mama und Papa Bukowski, die auch in den Ferien arbeiten müssen. Ein Glücksfall auch für die Geschwister, die daraufhin jeden einzelnen Sommertag im Freibad verbringen, von Saisoneröffnung bis Saisonende, egal wie sehr es regnet. Und ein gelungener Auftakt für eine Geschichte, deren geheimes Thema Will Gmehling so am Herzen liegt, dass er es ganz ähnlich schon in seinem vorherigen Kinderbuch Chlodwig aufgegriffen hat. Statt der Zacks aus dem achten Stock in Chlodwig beweisen in Freibad die Bukowskis aus dem Wohnblock hinter den Gleisen, wie viel mit wie wenig geht: Für sie ist es völlig in Ordnung, wenn zu Hause immer wieder Nudeln mit Tomatensauce auf den Tisch kommen, und kaum einen Halbsatz wert, wenn ein Kind wie Alf nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium wechselt.

Mit viel Wohlwollen malt Gmehling den proletarischen Charme seiner Familie aus. Kein Zufall wohl, dass er sie in einer Straße ansiedelt, die nach einer ebenfalls dem Arbeitermilieu entstammenden historischen Figur benannt ist: dem Hitler-Attentäter Georg Elser. Zum Glück leben die Bukowskis in Zeiten, in denen sie keinen Heldenmut beweisen müssen. Aber Haltung zeigen sie schon, wenn sie zum Beispiel mit einem Obdachlosen genauso interessiert plaudern wie mit jedem anderen. Oder sich nicht darum scheren, wie schief man sie anguckt, nur weil bei ihnen gerade die Fetzen fliegen.