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Als nach 1989 das Stasi-Archiv geöffnet wurde, fanden vielleicht auch manche meiner deutschen Leser Mitschriften ihrer Telefongespräche. Was türkische Polizisten heimlich über meine Telefonate notiert hatten, las ich letzte Woche. In der Anklageschrift zum Gezi-Prozess.

Die Gezi-Proteste, an denen sich 2013 einige Millionen beteiligt hatten, fielen der Regierung nun wieder ein, als sie vor den Wahlen plötzlich einen Feind brauchte. 16 Oppositionelle, auch ich, stehen nun vor Gericht, lebenslang sollen wir in Haft – insgesamt 47.520 Jahre. An der Spitze der Anklage steht Erdoğan, der Gezi als Putschversuch gegen sich auffasste.

Der Hauptangeklagte ist der Unternehmer und NGO-Pionier Osman Kavala. Auf der Rückreise von einem gemeinsamen Projekt mit dem Goethe-Institut wurde er festgenommen, seit gut 600 Tagen ist er inhaftiert. Ihm wird vorgeworfen, den Aufstand finanziert zu haben. In der Anklageschrift findet sich kein einziger Beleg dazu. Ein Theatermacher soll mit einem Stück das Volk aufgewiegelt haben. Eine Journalistin steht wegen einer nie zu Ende gedrehten Dokumentation vor Gericht. Mir wird zur Last gelegt, ich hätte versucht, mit Kavala "alternative Medien" aufzubauen. Die Anklageschrift führt auch folgende "Vergehen" auf: Der Polizei wurden Blumen überreicht, und Slogans wurden auf Mauern gemalt. In den Mitschriften meiner Telefonate steht, dass ich einen Termin wegen eines Tennisspiels abgesagt hatte. Ein anderes Telefonat drehte sich um eine Maus im Haus einer Freundin. Bloß Straftaten lassen sich keine finden.

Die wahre "Komödie" ist, dass die für den Lauschangriff verantwortlichen Staatsanwälte und der Polizeichef später selbst des "Umsturzversuchs" bezichtigt wurden und sich nun zum Teil als Flüchtlinge in Deutschland aufhalten. Ein Polizeichef, der das Schicksal des Mannes teilt, dessen Telefon er abhören ließ. Klingt das nicht filmreif? Wie der Plot des oscarprämierten Films Das Leben der Anderen?

Letzte Woche frohlockte die regierungsnahe Presse, ein deutscher Automobilriese wolle eine Fabrik in der Türkei bauen. Die Stiftungen, deren Partner in der Türkei vor Gericht stehen, sind stumm, Investoren hingegen sind gierig auf ein rechtloses Land. Das kennen wir aus den Geschichtsbüchern. Immerhin konnten wir, anders als in Deutschland, die Mitschnitte vor der Öffnung der Geheimdienstarchive lesen. Ist die Mauer der Repression in der Türkei erst gefallen, stellen auch wir sie vielleicht im Museum aus. Zur Abschreckung.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe