Nichts auf der Welt kann diesen Mann mehr überraschen, geschweige denn erfreuen, schon gar nicht eine Siegerehrung. Ja, sie scheint geradezu eine Zumutung für einen Entscheidungsträger seines Kalibers. Es ist Winter für Winter das gleiche Bild. Mit geübtem Tritt pflanzt sich eine imposante Erscheinung vor drei jungen Menschen auf und streckt ihre Hand nach den Medaillen aus. Ein wuchtiger Pelzkranz umrahmt ihr Haupt; das Gesicht bleibt unbelebt, ja verdrossen.

Die in Millionen Wohnzimmer übertragene Zeremonie macht aus Gian Franco Kasper keinen Sympathieträger. Es gibt kein Buch über ihn, keinen Fernsehfilm, ja nicht mal ein großes Zeitungsporträt. Dabei ist er der mächtigste Skifunktionär der Welt. Seit 44 Jahren arbeitet er für den Internationalen Skiverband Fis, davon 21 als Präsident, seit 19 Jahren mischt er im Olympischen Komitee mit.

Jetzt freilich scheint’s, als fände er doch noch Eingang in die Geschichtsbücher. Wenn auch nicht im gewünschten Sinn. Medien und Publikum beschimpfen ihn als "Fehlbesetzung" und "Realitätsverweigerer", lästern über seine "Altersarroganz" und fordern "Ab in die betreute Pension!" Mitfunktionäre, sonst stets auf gegenseitige Schonung bedacht, rücken vorsichtig von ihm ab. Selbst ein paar Athleten wagen es, seine Aussagen als "Geschwafel" abzutun. Obwohl sie wissen, dass man in ihrer Stellung besser den Mund hält.

Den Shitstorm eingebracht hat ihm sein Interview im Tages-Anzeiger . Darin spricht er vom "sogenannten Klimawandel" und findet Diktaturen praktisch. Im Wortlaut: "Es ist nun einmal so, dass es für uns in Diktaturen einfacher ist. Vom Geschäftlichen her sage ich: Ich will nur noch in Diktaturen gehen, ich will mich nicht mit Umweltschützern herumstreiten." So denken zwar auch seine Mitfunktionäre, sagen tut es aber keiner.

Nun hat sich Kasper schon immer salopper ausgedrückt als seinesgleichen – dies zur Freude der Sportjournalisten. Sie mochten nicht nur seine Flapsigkeit. Sie schätzten auch seine grandseigneurale Geste, auf das Gegenlesen zu verzichten. Manche deuteten es als Zeichen seines Vertrauens. Andere sahen darin Gleichgültigkeit: Kasper war ohnehin egal, was über ihn geschrieben wurde. Die Fis nicht auf der Höhe der Zeit? "War sie noch nie. Wir behaupten uns aber." Zu wenig Innovation im Skisport? "Wir werden weiterhin von oben nach unten fahren." Doping-Kollektivstrafe für alle russischen Athleten? "Man kann einen Russen nicht disqualifizieren, nur weil er einen russischen Pass hat." Die Fis? "Ein Sauhaufen" und schwierig zusammenzuhalten. Inzwischen benützt er lieber den Ausdruck "Sack voll Flöhe". So auch in diesem Interview.

Der Blick aus seinem Büro im Fis-Hauptsitz geht weit über den Thunersee auf die gegenüberliegenden Berge; viel roter Klinker sorgt optisch für Wärme. An den Wänden hängt Schneemalerei, im Wandschrank steht der übliche Alpensouvenir-Kitsch, von Geschnitztem bis zu Gehämmertem. Es dauert keine drei Minuten, da zieht er die erste Zigarette aus dem Päckchen. Vorbildfunktion als oberster Wintersportler? Sein Gesicht verzieht sich in gequälter Langeweile. Längst hat er die passende Antwort parat. "Rauchen ist wissenschaftlich erwiesen gesund. Jeder Metzger weiß, dass geräuchertes Fleisch länger hält als frisches."

Auch ohne die legendäre Pelzjacke bleibt seine Erscheinung imposant. "Kein Pelz, Kunstfaser", präzisiert er ungefragt, wohl um weiteres Unheil aus dem linksgrünen Lager abzuwenden. Zudem ist die Jacke schon so alt, "dass sie fast auseinanderfällt". Übrigens gebe es nur zwei Stück davon. Das andere besitze der schwedische König.

Schwer zu sagen, ob ihm der Shitstorm zugesetzt hat. Seine Haut ist auch in natura dick; seine Augen lagen schon immer so tief. Sollte ihn trotzdem eine Regung gestreift haben, dann wohl am ehesten Überraschung. Schließlich erklärt er seit zwanzig Jahren den Klimawandel als normales "Auf und Ab" – und niemand regte sich darüber auf. Noch letztes Jahr begrüßte er in Südkorea die bei minus 35 Grad schlotternden Olympiabesucher mit "Welcome to the Erderwärmung!", und alle lachten. Und jetzt – dieser Rummel. Ganz offensichtlich hat Funktionärsgott Kasper auf seinem Olymp nicht mitbekommen, dass auf der Erde politisch Korrekte neuerdings Prominente an einem einzigen Satz aufhängen und zur Strecke bringen. Das befriedigt sowohl ihre Moral wie ihre Mordlust.