Der Klimawandel soll die Hitzewelle Ende Juni fünfmal wahrscheinlicher gemacht haben. Diese Zahl haben Forscher am Dienstagmittag veröffentlicht, und schnell machte ihr Befund Schlagzeilen. Schließlich hatte die letzte Juniwoche vielen Ländern Europas untypische Hitze gebracht und an etlichen Messstationen für Temperaturrekorde gesorgt. Wohlgemerkt betrifft diese Analyse Frankreich, nicht Deutschland. Doch sie birgt drei lehrreiche Einsichten:

1. Die Entstehung

Zur rechten Zeit am rechten Ort trafen sich Wetter- und Klimaexperten in der Stadt Toulouse im französischen Südwesten – ein glücklicher Zufall. Als sie dort die Hitze am eigenen Leib spürten, beschlossen sie, das Wetterphänomen in Echtzeit zu analysieren. Unter ihnen waren jene Köpfe, die hinter dem Projekt World Weather Attribution stecken. Es sind Pioniere einer neuen Disziplin, der Attributionsforschung. Die gibt eine Antwort auf das, was lange nicht zu beantworten war: Ist das Wetter noch normal oder schon Auswirkung des Klimawandels (ZEIT Nr. 41/18)? Ihre Berechnungen gehen in etwa so: Die Forscherinnen und Forscher simulieren mit Computermodellen ein Wetterphänomen. In den Modellen gibt es keine globale Erwärmung. Machen sie das in vielen verschiedenen Durchläufen, ergibt sich, wie wahrscheinlich zum Beispiel eine Hitzewelle wäre. Das lässt sich dann mit der Realität vergleichen, und so lässt sich sagen, um wie viel wahrscheinlicher der Klimawandel ein reales Wetterphänomen gemacht hat. Dieser gedankliche Trick steckt hinter der Zahl.

2. Die Ungenauigkeit

Die Forscher berichten in ihrem eilig aufgeschriebenen, nicht begutachteten Aufsatz von einem kuriosen Missverhältnis. Die acht verschiedenen Computermodelle, die sie mit den realen Messdaten des französischen Wetterdienstes Metéo France verglichen hatten, zeigten bei vergleichbaren Hitzewellen geringere Ausschläge, also weniger Temperaturabweichung nach oben. Modelle sind gut darin, häufiges Wetter abzubilden, mit seltenen Extremereignissen tun sie sich schwer. Deshalb stellten die Autoren ihrer Schlagzeilen machenden Wahrscheinlichkeitsangabe auch ein "mindestens" voran.

Offenbar haben Simulationen der realen Klimazukunft einen Nachteil: Die besonders interessanten Extrema werden hier tendenziell unterschätzt.

3. Die Vorhersage

Verschiedene europäische Wetterdienste, darunter der deutsche DWD, arbeiten gerade mit Attributionsforschern zusammen. In den kommenden Jahren sollen bei besonderen Wetterereignissen Angaben wie das "fünfmal wahrscheinlicher" aus Frankreich standardmäßig errechnet werden. "Die Hitzewelle (oder den Starkregen, den Wintersturm, den Kälteeinbruch) dieser Woche bescherte Ihnen zu soundso viel Prozent der Klimawandel" – bevor solche Sätze Bestandteil der Wettervorhersage werden können, müsste viel von der Handarbeit heutiger Attributionsstudien automatisiert werden, siehe Punkt 1. Und es könnte die Menschen überraschen, wie oft extreme Ereignisse Anlass zu solchen Studien geben, siehe Punkt 2.

Apropos, eines sagt die Studie nicht: dass eine solche Hitzewelle früher unmöglich gewesen wäre. Bloß – dies zeigt der Vergleich außerdem – wäre sie vor einem Jahrhundert wohl vier Grad kühler ausgefallen.