Um das umstrittene Auslieferungsgesetz geht es längst nicht mehr. "Free Hong Kong!", "Democracy now!", skandierten die Demonstranten am Montag in der Innenstadt. "Gebt die Macht zurück an die Menschen!", forderten maskierte Aktivisten, nachdem einige Hundert mit Metallkarren und Eisenstäben das Regierungsgebäude gestürmt hatten. Wochenlang waren Millionen Hongkonger gegen die Pläne der Stadtregierung, Auslieferungen an Festlandchina zuzulassen, auf die Straße gegangen. Die Massenproteste blieben überwiegend friedlich. Und sie hatten Erfolg: Das Gesetzesvorhaben ist praktisch begraben, Regierungschefin Carrie Lam ist so gut wie handlungsunfähig.

Doch die Wut gegen Lam ist eigentlich gegen Peking gerichtet: gegen die zunehmende Einflussnahme der Zentralregierung. Gegen die schrittweise Aushöhlung des Prinzips "Ein Land, zwei Systeme", das Hongkong bis 2047 weitgehende Verwaltungsautonomie garantieren sollte. Gegen die ökonomische Perspektivlosigkeit, die viele junge Hongkonger dazu zwingt, bis weit über ihr 30. Lebensjahr hinaus bei den Eltern zu wohnen.

Die Verzweiflung darüber reicht zu tief, als dass ein Rücktritt von Carrie Lam oder eine Untersuchung der jüngsten Polizeigewalt die Demonstranten befrieden könnten. Hongkongs junge Generation will mehr: Nachdem die Bewegung sich wochenlang mit Minimalforderungen begnügte, greifen viele Aktivisten nun das Ziel der "Regenschirm-Bewegung" von 2014 wieder auf – freie Wahlen.

Die vorübergehende Besetzung und Verwüstung des Legislativrates am Montagabend ist eine weitere Eskalation: "Ihr wart es, die uns gesagt haben, dass friedliche Proteste nichts nützen", sprühte ein Demonstrant an die Wand und meinte damit die Regierung von Carrie Lam. Sie hatte das Auslieferungsgesetz erst auf Eis gelegt, als es bei Protesten zu Gewalt gekommen war und sie weitere Straßenschlachten verhindern wollte.

Für die Zentralregierung in Peking bedeutet die Erstürmung des Regierungsgebäudes eine beispiellose Provokation. So offen hat schon seit Jahrzehnten niemand mehr in China das Machtmonopol der Kommunistischen Partei herausgefordert. Dass die Hongkonger Polizei die Eskalation überhaupt zuließ, deutet auf einen taktischen Schachzug hin: Die Gewalt führt zu ersten Rissen in der Protestbewegung. Gemäßigte und ältere Demonstranten rufen zur Rückkehr zum friedlichen Widerstand auf, weiteres Chaos birgt die Gefahr, dass viele Hongkonger dem Aufstand ihre Solidarität entziehen, ähnlich wie 2014.

Nichts wünscht sich die Führung in Peking mehr, als dass die Bewegung einfach in sich zusammenfällt. Doch ob die jungen Radikalisierten sich von gemäßigten Stimmen einfangen lassen, ist fraglich. In den Online-Foren der Demonstranten zirkuliert das Schlagwort der "marginalen Gewalttheorie". Danach soll die Polizei nicht mit aktiver Gewalt, aber mit aggressiven Blockademethoden gereizt werden – bis sie überreagiert.

Eine einfache Lösung des Konfliktes ist für Peking nicht in Sicht: Einerseits will und muss die chinesische Führung die Kontrolle über Hongkong zurückerobern, um politische Kollateralschäden zu minimieren. Schon jetzt verleiht der Protest der taiwanesischen Unabhängigkeitsbewegung Auftrieb und torpediert Präsident Xi Jinpings Großprojekt der Wiedervereinigung. Taiwans China-skeptische Präsidentin Tsai Ing-wen, die für die Selbstständigkeit ihrer Insel eintritt, kann auf einen Wahlsieg 2020 hoffen.

Andererseits ist sich die Führung in Peking bewusst, dass sie Hongkong mit den herkömmlichen Mitteln der Unterdrückung, gar mit einem Einsatz der Armee, nicht zur Ruhe bringen kann.

Die Versuche, Hongkong still und heimlich in das autoritäre Festlandsystem einzugemeinden, sind wohl gescheitert. Einer aktuellen Umfrage zufolge sehen sich 76 Prozent der Stadtbewohner in erster Linie als Hongkonger, nicht als Chinesen – eine deutliche Zunahme gegenüber 1997, als die ehemalige britische Kronkolonie Peking übergeben wurde. Über die Zeit davor machen sich indes nur wenige Illusionen, selbst wenn Montagnacht im besetzten Legislativrat die alte Kolonialflagge gehisst wurde: Auch unter den Briten war die Stadtregierung nicht frei gewählt.

Die Wut über die Versäumnisse Londons, vor der Übergabe eine Demokratisierung einzuleiten, ist groß. 22 Jahre später ist eine Generation herangewachsen, deren Selbstverständnis und Wertebild sich immer weiter vom Festland entfernt. An der mission impossible, sowohl der kommunistischen Einparteienherrschaft als auch den Forderungen der Hongkonger gerecht zu werden, scheiterten vor Carrie Lam bereits drei andere Regierungschefs. Selbst wenn Peking ihre Stelle neu besetzt, deutet wenig darauf hin, dass die KP in Hongkong künftig einfach durchregieren kann.