Worüber haben wir vor lauter Vertrautheit nicht alles hinweggesehen – statt mehr dafür zu sorgen, dass sich etwas ändert. Das leicht mitleidige Lächeln aller über den demütigen Gang der Pastoralreferentin, all die Marienlieder, der geistliche Stand so hoch erhaben, diese unüberbrückbare Grenze zum "wirklichen" Wissen (später: zu den wirklichen Entscheidungen!). Und wenn wir weder Jungfrau noch Mutter oder tot oder Priester sein wollten?

So geht es nicht weiter. Nicht für uns, nicht für die, die nach uns kommen. Und noch viel weniger für die, die kirchlichen Ermächtigungen schonungslos ausgeliefert waren. Dass so viele sich abwenden, ist uns nicht gänzlich fremd.

Risiken eingehen

In den letzten Monaten ist viel gefordert und besprochen worden, der Empörung folgte Entschuldigung und Beschwichtigung; das Tempo steigerte sich, bis es sich anfühlte wie Stagnation. Die Kirche ist in ihrem Grund erschüttert und will es nicht glauben. Kluge Analysen (von Hans Zollner, Hans-Joachim Sander, Julia Knop und vielen anderen) liegen vor, und doch scheint die Lage fast hoffnungslos, jeder denkbare Schritt scheint zu spät.

Die Bischofskonferenz hat für ihren Beschluss, einen synodalen Weg zu gehen und die drei Themenfelder Macht, Sexualmoral, priesterliche Lebensform zu bearbeiten, nicht viel Lob geerntet. Was soll dabei herauskommen? Und doch hat sie sich weiter aus dem Fenster gelehnt, als es manchen lieb war. Das Niveau und die Offenheit der inhaltlichen Diskussion (die lesenswerten Vorträge des Studientags standen am selben Tag im Netz) sind bemerkenswert. Und der Einbezug des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in den synodalen Weg vor der Festlegung der Modalitäten lässt die Ernsthaftigkeit dieses Risikos ahnen.

Dissens aushalten

Bei echter Offenheit ohne Wissen um das Ergebnis, beim wissenschaftlichen, politischen und inhaltlichen Niveau der Debatte müssen wir jetzt bleiben, und zwar mit allen Risiken. Weder lässt sich der gordische Knoten durchschlagen mit dem Hinweis auf ein vermeintlich "Eigentliches" der Kirche, das jeder anders definiert. Noch kann es eine Option sein, die Probleme auszusitzen und auf ein business as usual ab morgen zu hoffen.

Offenheit bedeutet nicht Beliebigkeit. Argumente setzen Informiertheit voraus, und es sind auch nicht alle gleich gut. Offenheit bedeutet erst recht nicht, dass wir die Konsequenzen der Diskussion nicht ernst nehmen müssten! Offenheit bedeutet, den Fragen Gewicht zu geben, Strukturen einzurichten, die nicht von vornherein die Antwort festlegen, Widerstreit zu ermöglichen, Dissens auszuhalten und sich dem Ergebnis aussetzen – eine Weite des Denkens zuzulassen! Alle Freiräume, die dafür zur Verfügung stehen, müssen wir nutzen. Uns wirklich aus dem Fenster lehnen und darauf achten, welche Gewichte an den Füßen es sind, die uns halten.

Worüber also müssen wir offen reden?

1. Über Menschenrechte – auch und gerade in weltkirchlichem Kontext. (Die Einzigartigkeit jeder Person, die Gleichheit aller Menschen – hatte Pius IX. vergessen, als er 1864 im "Syllabus errorum" auch gleich den Grundrechtekatalog verdammte.)

2. Über den Beitrag der Kirche zu einer demokratischen Kultur, zur Einübung des Menschen in Verantwortungsübernahme, zu einem wirklich gleichberechtigten Handeln von Frauen und Männern,

3. das auch ästhetisch und liturgisch entsprechende Ausdrucksformen findet.

4. Über die Umsetzung der Gewaltenteilung in der Kirche.

5. Über ein menschliches Maß für das Priesteramt.

6. Darüber, wie denjenigen Gerechtigkeit geschehen kann, die Gewalt und Übergriffen durch Vertreter der Kirche ausgesetzt waren. Und wie könnte Gerechtigkeit gegenüber den Täter/innen aussehen?

7. Und wie sich Strukturen so verändern lassen, dass sie Menschen in ihrer Freiheit schützen, nicht aber in der Willkür ihrer Machtausübung.

8. Und schließlich über die lebensfreundlichen, gesellschaftsverändernden Möglichkeiten, die die Theologie im Forschungsstand von heute aufzeigt.