Kaum irgendwo sind die Stimmen der Warnung, ja des Alarms über den Zustand der katholischen Kirche drastischer zu vernehmen als – in der Kirche selber. Wer nicht nur sein Herz, sondern auch seinen Geldbeutel mit der Zukunft dieser Institution verbindet, weil er dort arbeitet, erlebt die Erosion von innerer Glaubwürdigkeit und äußerer Anziehungskraft meist intensiver als die vielen Sonntags-Gläubigen, die von Montag bis Freitag froh sind, nicht allzu oft an ihre Kirche denken zu müssen. Doch den Mund aufzumachen wagt von den Hauptamtlichen kaum einer: Auch wenn das Herz es riete, der Geldbeutel sorgt sich zu sehr.

Nicht anders verhalten sich die Teilgliederungen der Kirche – kirchliche Werke, Bistümer, Orden –, die Schildkröten-Ballett aufführen: Keiner wagt seinen Kopf aus dem Panzer zu strecken, Bewegungen traut man sich nur millimeterweise.

Nirgends ist der Gegensatz eklatanter als bei den Katholischen Akademien, deren Auftrag umfassen sollte, wacher für die Lage der Kirche in der Welt und unerschrockener im Aussprechen der dabei gewonnenen Einsichten zu sein, als man es etwa von Ordinariaten erwarten kann, den Regierungszentralen der Bistümer. Die Macht braucht den Geist, der frei spricht, was er denkt – das gilt nicht bloß in der Politik.

Viel zu lange aber haben sich die 23 Akademien als Hinterherträger anderswo gedachter und ausgesprochener Wahrheiten verstanden, statt Vordenker zu sein. Lieber keinen Unbill riskieren, schien das informelle Motto zu sein, und bedenklich mit dem Kopf zu wackeln galt schon als eindringlichste Form der Kritik. Solange es der Kirche gut ging, mochte das angehen, doch seit sich ihr Zustand rapide verschlechtert, grenzt die Wirklichkeits- und Wahrnehmungsscheu der Akademien an Verrat durch Vernachlässigung gegenüber der Kirche, der sie doch dienen wollen.

In dieser Ausgabe von Christ&Welt wagen nun drei Leiterinnen und ein Leiter von kirchlichen Häusern einen ersten, vorsichtigen Schritt aus dem Vestibül der Zurückhaltung: "Risiken eingehen – Dissens aushalten – Gestalten lernen" sind die drei Maximen, mit denen sie sich und ihrer Kollegenschaft Mut zuschreiben. Und dank des selbst ausgerufenen synodalen Weges dürfen Bischöfe neuerdings nicht mehr einfach mit Wut auf Mut reagieren. Doch wo bleiben die großen und reichen Akademien? Und während Missbrauch das Thema der vergangenen Dekade war, ist die Macht- und die Frauen-Debatte die Frage der Jahre 2020 bis 2030 – so es dann noch Gläubige gibt, die bis dahin Geduld mit ihrer Kirche haben.