Der Italiener und der Deutsche sind Verbündete im Kampf für den Schutz der Flüchtlinge: Als der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche im Juni den Bürgermeister von Palermo besuchte, flaggte dieser Schwarz-Rot-Gold. Gemeinsam veröffentlichten Leoluca Orlando und Heinrich Bedford-Strohm den "Appell von Palermo": einen Aufruf von Kirchen, Kommunen und Politikern an die Staaten der EU, die Seenotrettung im Mittelmeer wieder aufzunehmen. Eben verlieh die Stadt dem Bischof die Ehrenbürgerwürde.

DIE ZEIT: Herr Bürgermeister, die Zeitung La Repubblica hat Carola Rackete mit dem Ruf "Forza Capitana!" angefeuert. Der Vatikan protestierte heftig wie nie gegen die Verhaftung der Kapitänin. Nun ist sie frei. Was sagen die Bürger von Palermo?

Leoluca Orlando: Wir sind froh, denn als Stadt am Mittelmeer erleben wir das Elend der Bootsflüchtlinge hautnah. Und nach der langen Herrschaft der Mafia über Palermo reagieren wir sensibel, wenn Unschuldige in Lebensgefahr schweben. Ich finde: Die Kapitänin musste tun, was sie getan hat.

ZEIT: Viele Italiener begrüßten die Verhaftung von Carola Rackete, weil sie gegen die neuen Gesetze der italienischen Regierung verstoßen hat.

Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo © Ivo van der Bent/​Lumen Photo/​VISUM

Orlando: Mag sein. Aber die alten Seegesetze sagen ganz klar: Schiffbrüchige muss man retten. Dabei ist völlig egal, ob es sich um Flüchtlinge oder Touristen oder sonst wen handelt. Die Regierung hat sich mit Innenminister Matteo Salvinis Gesetzesverschärfungen eine Maske der Unmenschlichkeit aufgesetzt. Eine Schande für Italien.

ZEIT: Treffen Sie in Palermo wirklich auf niemanden, der die Festnahme richtig fand?

Orlando: Doch. Aber das ist die Minderheit. Sonst wäre ich mit meiner klaren Position für die Menschenrechte nicht sechsmal als Bürgermeister wiedergewählt worden. Ich denke, Palermo ist meiner Meinung. Als Salvini im Winter indirekt androhte, er könne nötigenfalls auch eine "Armee" gegen mich schicken, weil ich mich seinem Sicherheitsgesetz verweigert hatte, das neu angekommene Flüchtlinge in die Illegalität drängt – da haben junge Leute in Palermo sofort einen Flashmob gegen Salvini organisiert. Und genau diese Jugend gibt es auch in anderen Ländern.

ZEIT: Bei den jüngsten Europawahlen bekam die Lega Nord auf Sizilien 20 Prozent und in Palermo immerhin 18 Prozent. Mit welchen Argumenten wollen Sie diese Menschen für sich gewinnen?

Heinrich Bedford-Strohm, Chef der EKD © Stefan Boness/​VISUM

Orlando: Zunächst mal hat Salvini in Palermo nur 17 Prozent geholt. Und was die Argumente betrifft: Ich werde bestimmt nicht versuchen, politische Gegner für mich zu gewinnen, indem ich Salvinis harten Kurs kopiere. Ich werde auch nicht von Migranten sprechen, als seien sie alle Kriminelle. Natürlich gibt es immer Gesetzesverstöße, von Sizilianern wie von Migranten. Sicherheit stellt man aber nicht her, indem man Schutzbedürftige verteufelt, wie die Regierung Conte das tut. Sicherheit in Zeiten der Zuwanderung gibt es nur mit Offenheit und Hilfsbereitschaft. Deshalb bin ich zum Beispiel als Tutor persönlich verantwortlich für 250 minderjährige Flüchtlinge.

ZEIT: Herr Ratsvorsitzender, Sie waren im Juni, kurz vor Pfingsten, selbst auf der Sea-Watch 3, als das Schiff in Sizilien ankerte. Warum?

Heinrich Bedford-Strohm: Die EKD unterstützt die zivile Seenotrettung seit mehreren Jahren. Ich wollte den Seenotrettern meine Solidarität zeigen – zumal die Sea-Watch 3 da bereits von den italienischen Behörden beschlagnahmt war. Die Crew war in Gefahr, kriminalisiert zu werden. Dagegen wollte ich rechtzeitig ein Zeichen setzen.

ZEIT: Sie hatten allerdings Schwierigkeiten, auf das Schiff zu gelangen.

Bedford-Strohm: Einen Tag vor meiner Ankunft in Licata wurde die Beschlagnahme des Schiffes zwar aufgehoben. Trotzdem hatte man den Bereich des Hafens, in dem die Sea-Watch lag, noch mit einem Zaun abgesperrt. Die Hafenpolizei ließ mich nicht durch, obwohl wir bereits in Sichtweite des Schiffes waren. Wir sind mit dem Schlauchboot von der anderen Seite an das Schiff herangefahren.