Im Frühjahr 2003 erschien in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek des Eichborn Verlages eine Neuauflage des Buches der Anonyma Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945. Im Unterschied zur deutschen Erstausgabe von 1959, die beim Publikum durchgefallen war, wurde die Neuausgabe zu einem Bestseller. Überschwänglich feierte die Kritik das Tagebuch als das eindrücklichste bekannte Zeugnis der massenhaften sexuellen Gewalt, die deutschen Frauen bei der Eroberung Berlins durch Rotarmisten zugefügt worden war.

Doch wer verbarg sich hinter der Anonymität? Den anhaltenden Spekulationen setzte Jens Bisky im September 2003 in der Süddeutschen Zeitung ein Ende: Marta Hillers, so hieß die unbekannte Autorin, war eine 1911 geborene Berliner Journalistin, die im Zweiten Weltkrieg als eine Art Kleinpropagandistin des Regimes mitgeholfen hatte, die deutsche Jugend für den Fronteinsatz zu begeistern.

Mit der Enthüllung der Identität der Anonyma tauchten Zweifel auf, ob es sich bei dem Buch tatsächlich, wie vom Verlag behauptet, um ein authentisches Zeitdokument handelt. Die ursprünglichen handschriftlichen Aufzeichnungen umfassen drei Hefte. Hatte die Autorin, als sie im Juli 1945 begann, die Notate abzutippen, den Text verändert? Und wie verhält sich das 121-seitige Typoskript zur Druckfassung von 1959? Hatte hier etwa ihr Freund, der Schriftsteller Kurt W. Marek (bekannt geworden durch seinen unter dem Pseudonym C. W. Ceram veröffentlichten Archäologie-Bestseller Götter, Gräber und Gelehrte von 1949), mit Hand angelegt?

Diese Fragen wurden seinerzeit heftig diskutiert, konnten aber nicht geklärt werden, weil die Witwe Mareks, die Nachlassverwalterin der 2001 gestorbenen Autorin, die Einsicht in die Originalunterlagen verweigerte. Schließlich beauftragte der Eichborn Verlag den Schriftsteller und fleißigen Sammler von Tagebüchern Walter Kempowski mit der Prüfung. Sein Gutachten vom Januar 2004 bestätigte, dass sowohl das Originaltagebuch als auch die von Marta Hillers im Sommer 1945 angefertigte Reinschrift authentisch sind. Doch der entscheidenden Frage war Kempowski nicht nachgegangen: welche Schritte der Bearbeitung der Ursprungstext durchlaufen hatte und inwieweit der Charakter des Tagebuchs dadurch verändert worden war.

Was Kempowski versäumte, hat jetzt die Historikerin Yuliya von Saal in ihrem Aufsatz Anonyma: "Eine Frau in Berlin". Geschichte eines Bestsellers in der neuesten Ausgabe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte nachgeholt. Stützen konnte sie sich auf den privaten Nachlass von Marta Hillers, den der Sohn des Ehepaars Marek 2016 an das Münchner Institut für Zeitgeschichte abgegeben hat.

Das Ergebnis: Marta Hillers hat ihre Notizen sehr sorgfältig in das Typoskript übertragen; die Abweichungen sind minimal und betreffen in der Regel nur kleine stilistische Korrekturen. Ganz anders verhält es sich mit der Umgestaltung des Typoskripts zur fast doppelt so umfangreichen Buchfassung, die die Autorin in den Fünfzigerjahren vornahm, nachdem Marek sie zu einer Publikation überredet hatte. Dabei hat sie selbst das Originaltagebuch stark literarisch bearbeitet und ergänzt: Personen wurden konsequent anonymisiert, Gedanken, Beobachtungen und Gefühle nachträglich ausformuliert, Erlebnisse umgedeutet, Szenen mit fiktiven Elementen dramaturgisch aufgeladen. Unter anderem wurden alle Passagen eliminiert, die auf eine gewisse Nähe zum Nationalsozialismus schließen lassen konnten.

Es handelt sich also nicht um ein authentisches Zeitdokument, sondern um einen literarisierten Erlebnisbericht in Tagebuchform. Dennoch wäre es nach Ansicht von Yuliya von Saal falsch, das Buch für wertlos zu erklären. Denn im Kern – in der Schilderung der Vergewaltigungen – entspricht die Druckfassung den handschriftlichen Aufzeichnungen. Eine Frau in Berlin bleibt damit ein wichtiges Zeugnis für das Schicksal, das Marta Hillers 1945 mit vielen anderen Frauen nicht nur in Berlin teilte.