Hoch über Bozen, in einem loftartigen Dachgeschoss mit Blick über den Waltherplatz, dem schmucken Mittelpunkt der 100.000-Einwohner-Stadt, zeigt ein zwei Meter großer Hüne in gut geschnittenem Anzug hinaus durch die Glasfront. Gleich vorne, ein Kran: Baustelle für ein Shoppingcenter. Dahinter, der Virgl, eine seit Jahrzehnten brachliegende Hügelkuppe über einer porphyrroten Steilwand: Bald soll dort ein Weltstar einquartiert werden, die Gletscherleiche Ötzi.

"Es macht Spaß, die Stadt zu verändern", sagt der Mann im Dachgeschoss. Er heißt Heinz Peter Hager, ist 59 Jahre alt und von Beruf Wirtschaftsprüfer. Doch seit zehn Jahren ist er bekannt als der Mann, der für einen der umtriebigsten und umstrittensten Geschäftsmänner des Alpenraums in Südtirol die Fäden zieht: den österreichischen Milliardär René Benko.

Mindestens 600 Millionen Euro will Benko mit seiner Signa-Gruppe in Bozen investieren. Es sind Projekte, die das Gesicht der Stadt zwischen Etsch-, Eisack- und Sarntal radikal verändern werden. Prunkstück von Benko-City, wie die Bozner mittlerweile die eigene Stadt nennen, soll der Eismann Ötzi werden. René Benko will die Gletscherleiche vom Tisenjoch in ein neues Museum auf seinen Hügel holen.

Benko und sein Tun sind in Bozen hochumstritten. So viel Geld, so viel überfällige Modernisierung, jubeln die einen. Ein Horrorszenario, kritisieren die anderen. Da werde einem fremden Immobilientycoon eine ganze Stadt überlassen. Aber da ist noch mehr: Bislang hat man in Südtirol die Dinge unter sich ausgemacht. Benko sprengt dieses hergebrachte Machtgefüge. Mit seinen Plänen bricht er die alten Fronten auf – die ideologischen, aber auch die ethnischen, die zwischen den deutsch- und den italienischsprachigen Bewohnern bestehen.

Bozen ist eine spezielle Stadt in einer speziellen Region. Wo immer die öffentliche Hand mitspielt, wird nach einem ethnischen Proporzsystem vergeben und verteilt. Für Kulturinitiativen wie für Kindergartenplätze, für geförderte Wohnungen, für öffentliche Stellen wie für politische Ämter gilt in Südtirol die Faustregel: Zwei Drittel gehen an Deutsche, ein Drittel geht an Italiener. Der Grund dafür: Zwei Drittel der knapp 530.000 Südtiroler sind deutsche Muttersprachler, ein Drittel spricht Italienisch; dazu kommt eine kleine ladinische Minderheit in einigen Dolomitentälern. Nur in der Hauptstadt Bozen sind die Italiener mit rund 70 Prozent in der Mehrheit.

Bozens Altstadt aber, wo die Einheimischen und Touristen einkaufen, konsumieren, ihr Geld liegen lassen, ist fest in deutscher Hand. Und hier setzt der gewiefte Machtmensch René Benko an, der sein erstes Geld mit dem Ausbau von Dachböden zu Luxuswohnungen machte und schließlich mit Immobiliendeals zu einem Milliardenvermögen kam.

Im Kampf gegen den Nordtiroler haben sich in Bozen bislang undenkbare Seilschaften gebildet: Alteingesessene Kaufmannsdynastien stellten sich an die Seite von Umwelt- und Denkmalschützern, von Kommunisten und Grünen. Die einen fürchten um ihre Heimat, die anderen um ihr Geschäft. Ihnen gegenüber stehen die mehrheitlich italienischsprachigen Einwohner der Stadt, die im Spekulanten Benko eher den Mann sehen, der ihnen eine Alternative zum Monopol der Deutschen in der Innenstadt beschert.

Es ist das Wochenende von Fronleichnam, ein Feiertag in Österreich und Teilen Deutschlands, den man in Bozen an den vielen jungen Familien und älteren Pärchen erkennt, die bei brütender Hitze durch die Gassen der Altstadt ziehen. Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsmotor in Südtirol. Vor allem Urlauber aus Deutschland schwärmen seit den 1960er-Jahren von der Mischung, die Touristiker unter dem Slogan "Alpin trifft Mediterran" anpreisen. Ein Cappuccino zum Frühstück, die von Lederhosenträgern servierten Knödel auf der Alm, später den Aperitivo unter Palmen, und das Wichtigste: "Man spricht Deutsch".

32,5 Millionen Übernachtungen zählten die Statistiker im letzten Jahr in Südtirol. Doch nach Bozen fahren die meisten Touristen nur für einen Tag. Das Must-see liegt in einem eierschalengelben Bankgebäude aus der K.-u.-k.-Ära. Hier liegt Ötzi, der Mann aus dem Eis. Zwei Bergsteiger hatten die ledrige Leiche im Jahr 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt. Jahrelang stritten Italien und Österreich, wo genau Ötzi denn nun gefunden worden sei. Seit 1998 steht fest: Es war südlich der Grenze. Die Eismumie gehört seitdem dem italienischen Staat und liegt im Archäologiemuseum in Bozen, das schon lange an Platzproblemen leidet. 300.000 Besucher lockt sie jährlich an.