Bernd Hagenkord

Lange habe ich im Papstbrief gesucht. Und nicht gefunden, was zum Standardrepertoire gehört: eine klare Ansage in Sachen Kirchenreform. Nach zehn Jahren als Papstbeobachter im Vatikan bekommt man ein Gespür dafür, was Päpste Kirchen so alles schreiben. Und fast immer unter dem Autoritäts-Vorbehalt. Rom entscheidet: cum Petro et sub Petro, mit dem Papst und unter dem Papst.

Päpste sind dazu da, zu entscheiden, nicht nur die Bischöfe erwarten das, sondern auch die Gläubigen, bei aller Klage über Hierarchien in der Kirche. Und es ist ja nicht so, dass Papst Franziskus keine Machtworte sprechen würde. Nicht jedoch in diesem Brief. Überraschend! Denn die katholische Kirche in Deutschland ist zerstritten in der Frage nach Reformen. Wie soll die Kirche künftig aussehen? Mehr wie die evangelische Kirche heute? Oder mehr wie vor der Krise? Die einen verlangen vom Papst eine Entscheidung über die Priesterweihe für Frauen und die Abschaffung des Pflichtzölibats. Die anderen verlangen, endlich die Diskussion über genau diese Themen zu beenden.

Alle wollen ein Machtwort von Franziskus. Keiner bekommt es. Der Brief enthält keinerlei Vorgaben oder Vorschriften. Auch das Wort "Missbrauch" kommt nicht vor. Stattdessen fordert der Papst von den Gläubigen, die gesamte Kirche im Blick zu behalten: sie nicht durch Rechthaberei zu spalten, sondern zu versöhnen. Aber auch hier: Das Versöhnen behält er nicht sich selbst vor oder der Glaubenskongregation.

Franziskus gibt seiner vom Reformstreit zerrütteten Kirche etwas, was wir schon fast nicht mehr gewohnt sind: Vertrauen. Der Heilige Geist soll wirken, nicht die kirchlichen Gepflogenheiten, nicht die längst schon gebildeten Urteile, nicht das machtvollere Argument. Wir sollen gemeinsam entscheiden. Man nennt das auch Freiheit.

Bernd Hagenkord leitete bislang die deutschsprachige Redaktion von "Vatican News" in Rom. Von September an ist er für den Jesuitenorden in München.

Ulrich Greiner

Dass der Papst mir schreibt, erfüllt mich mit erwartungsvoller Vorfreude. Aber ach! Je länger ich diesen länglichen Brief lese, desto mehr bin ich enttäuscht. Zwar ahne ich, was Franziskus will: Wir sollen uns nicht in kirchenpolitische Debatten verstricken, sondern die frohe Botschaft hören. Hören können wir sie nur, wenn der Heilige Geist uns beflügelt. Beflügeln kann er uns nur, wenn wir uns öffnen und von Ideologien befreien. Sehr wahr!

Allein, der Brief beflügelt mich keineswegs, und das liegt nicht nur an der offenkundig miserablen Übersetzung. Er wirkt, als wäre der Autor unschlüssig, wie er seinem Ziel – der Versöhnung der streitenden deutschen Katholiken – am besten näher käme. So neigt er zu Wiederholungen, Undeutlichkeiten, Umständlichkeiten. Will er es allen recht machen? "Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein", heißt es bei Matthäus. Die Rede des Papstes klingt wie: Jein, jein. Ich fürchte, dass die Experten verschiedenster Färbung aus dem Brief herauslesen, was ihnen gefällt. Die unwissende Schar der Gläubigen hingegen, die sich nach einem Pfingstwunder sehnt, wird es in dieser ermatteten Prosa bestimmt nicht finden.

Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT, deren Feuilleton er viele Jahre lang geleitet hat. Er ist Präsident der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Claudia Mönius

Lieber Papst Franziskus, vielen Dank für Ihren Brief vom 29. Juni – dem Gedenktag auch des heiligen Petrus, in dessen Nachfolge sich die Päpste sehen. Sie überlassen wirklich nichts dem Zufall! Als gläubige Christin und Katholikin erlaube ich mir eine Antwort. Bei allem gebotenen Respekt will ich dabei ehrlich sein. Das verlangt Mut – eine Eigenschaft, die unser gemeinsamer Leitstern, Jesus von Nazareth, vorbildlich lebte. Auch seine kritische Haltung und Radikalität dem herrschenden System gegenüber entsprangen der Liebe. Nicht teuflischem Geltungsbedürfnis, wie es in Ihrer Bewertung kirchenkritischer Stimmen auch in diesem Brief leider wieder anklingt.

Selbst als Geisteswissenschaftlerin und Vielleserin hatte ich Mühe, diese 19 Seiten konzentriert zu lesen. Weil ich mich darin nicht wiederfinde: weder als moderne, gebildete Frau, der unsere religiösen Werte am Herzen liegen, noch als Betroffene von jahrelangem sexuellem Missbrauch durch einen Priester. Und wie mögen sich all die missbrauchten Nonnen fühlen, wenn Sie anerkennend schreiben über die "älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln"? Nein, wir werden nicht weiter gute Miene zum bösen Spiel machen. Wir werden etwas verändern in dieser Kirche, und zwar nicht mit viel Geduld und "Reifung", sondern jetzt. Weil sonst niemand mehr da sein wird, den diese Religion überhaupt noch interessiert.

Erst ganz am Ende Ihres Briefes fühlte ich mich angesprochen und berührt. Ihrer Bitte, für Sie zu beten, komme ich gern nach:

Komm herab, o Heilger Geist, und durchdringe unseren Bruder Franziskus, dem die Führung dieser Kirche anvertraut ist. Lass ihn die Zeichen der Zeit erkennen, und schenke ihm Mut, entschlossen und in Klarheit den notwendigen Wandel zu begleiten. Hilf ihm, dazu beizutragen, dass die Botschaft Jesu Christi lebendig bleibt und auch für unsere Kinder und Enkel so viel Strahlkraft besitzt, dass sie aus dieser Quelle schöpfen und ihr Leben in Einklang mit der Mutter Erde würdevoll für alle gestalten.

In pfingstlicher Verbundenheit!

Claudia Mönius ist Kulturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Hochschullehrerin und Coach. Zuletzt erschien von ihr "Feuer der Sehnsucht. Spiritualität einfach leben".