Überall Papstdeuter

Unter deutschen Katholiken steht mal wieder eine besondere Disziplin hoch im Kurs: Erkläre mir Franziskus. Der Papst hat sich mit dem in Deutschland geplanten Reformweg beschäftigt und an das "pilgernde Volk Gottes" geschrieben. Das rätselt nun: Will da einer bremsen oder helfen?

Wie bei allen hochpolitischen Ereignissen zählte auch hier vor allem Schnelligkeit: Wer setzt die Tonlage unter den ersten Reaktionen? Zeitgleich mit der Veröffentlichung des römischen Schreibens platzierte der Hauptinitiator des synodalen Wegs, Reinhard Kardinal Marx, am Samstag seine Interpretation des Papstbriefes: Eine "Ermutigung" habe der Papst da verfasst, so Marx, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Wie ernst der Kardinal die Intervention nimmt, sieht man an einem zweiten Signal: Seine Mitteilung verfasste Marx gemeinsam mit dem obersten Laienkatholiken Thomas Sternberg, Chef des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Im Gespräch mit Christ&Welt ist Sternberg die Erleichterung auch Tage später noch anzumerken: "Der Brief bestärkt uns."

Doch lässt das Schreiben allein den flötenden Optimismus zu, den Sternberg und Marx vorleben? Die Post aus Rom ist nicht nur als Format ungewöhnlich, sie fällt auch in eine hochsensible Phase. Ob die Kirche in Deutschland wirklich mit Leidenschaft um Reformen ringen wird, ist momentan noch gar nicht klar. Zu vage sind bisher die Ankündigungen für den Reformprozess, zu schlecht die Erinnerungen an frühere Debattenformate, die im kirchlichen Nirwana landeten.

Wem nützt der Brief? "Als ich hörte, es gibt einen Papstbrief, war ich erst mal alarmiert", sagt Thomas Sternberg. Er habe gedacht, die Reformgegner könnten über verschlungene Kanäle im Vatikan versuchen, den Prozess auszubremsen. "Wir sind da ja einiges gewohnt. Immer wieder wurden Wünsche aus Deutschland über Rom hintertrieben", sagt Sternberg. Auch der Papstbrief könne das Ergebnis eines solchen Eingriffsversuchs sein, mutmaßt Sternberg. Nur habe sich Franziskus diesmal eben nicht instrumentalisieren lassen.

Trotz der eher weichen Formulierungen im Brief ist Sternberg überzeugt: Die Reformer seien nun auf der sicheren Seite. "Es ist doch unwahrscheinlich, dass es jetzt noch Überraschungen aus Rom im laufenden Prozess geben wird."

Wie der synodale Weg konkret aussehen soll – daraus machten sowohl Sternberg als auch die Bischofskonferenz in den vergangenen Wochen noch ein Geheimnis. An diesem Freitag wollen ZdK und Bischofskonferenz erste Fortschritte bekanntgeben. Im Zentrum der Reformdebatten sollen, so viel ist schon seit Monaten klar, die Fragen zu Machtverteilung, Sexualmoral in der Kirche und zu Lockerungen beim Zölibat stehen.

Von Einigkeit über den Weg ist in der Bischofskonferenz bisher wenig zu spüren. Hinter den Kulissen herrscht offenbar ein wildes Gerangel – die Bischöfe teilen sich in drei Gruppen: Jene, die wirklich Reformen wollen; eine größere Gruppe, die eher moderat verändern will; und die dritte Gruppe, die Veränderung für überflüssig hält.

"Typisch Franziskus"

Der Zwist prägte, so ist zu hören, auch die jüngsten Treffen der 27 Ortsbischöfe. Nörgeleien über einzelne Experten und Teilnehmer von Arbeitsgruppen gelten schon als übliche Begleiterscheinungen, wenn sich die Bistumschefs treffen.

Auch Thomas Andonie ist es gewohnt, dass konservative Bischöfe schon mal die Nase rümpfen, wenn sie mit Vertretern des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) über theologische Fragen diskutieren sollen. Wie soll dann am Ende wirklich in Brüderlichkeit diskutiert werden? So hat es Franziskus gewünscht. Andonie, Chef des BDKJ, gibt sich gelassen: "In den Verbänden und den Gemeinden ist so viel Druck im Kessel. Die Gläubigen wollen, dass sich nach den vielen Enthüllungen über sexualisierte Gewalt etwas ändert. Das müssen die Bischöfe einfach ernst nehmen", sagt er.

In der katholischen Fachwelt ist dagegen noch oft von Skepsis die Rede, wenn es um den synodalen Weg geht: An den theologischen Fakultäten gibt es offenbar Vorbehalte, sich an dem Reformprojekt zu beteiligen. Der Münsteraner Professor Thomas Schüller bestätigt diese Zurückhaltung bei vielen Kolleginnen und Kollegen: "Viele warten ab, wie verbindlich der Prozess wird. Wir kennen in der Kirche ja alle Beratungen, deren Ergebnisse in der Schublade gelandet sind. Das frustriert, und diesen Frust wollen sich die Leute nicht mehr antun. Die Kolleginnen und Kollegen schauen deshalb sehr genau: Habe ich da was zu sagen? Darf ich das auch sagen? Und hat das konkrete Auswirkungen?"

Schüller ist ein erfahrener Leser von Papstworten und einer der profiliertesten deutschen Kirchenrechtler: "Typisch Franziskus" sei der Brief, sagt er am Telefon. Der Papst schlage sich auf keine Seite. "Ich sehe in dem Brief aber keinen Bereich, den er ausklammert. Er sagt nicht: Das darf in euren Beratungen keine Rolle spielen."

Was aber bedeutet es, wenn der Papst an fünf Stellen im Text darauf pocht, dass die Deutschen mit ihren Reformwünschen die Einheit der Kirche nicht gefährden dürften? Schüller: "Man kann es natürlich so deuten, als fordere er hier auf, vor allem die aktuelle Lehre zu respektieren. Diese Stellen werden natürlich jene zitieren, die bewahren wollen."

Mit seinem Brief hat Franziskus der deutschen Kirche mehr Rätsel als Antworten, mehr Interpretationsspielräume als Klarheit geliefert. Hier ein Signal für moderate Veränderer, da etwas, das den Konservativen gefällt. Nur ein Lager steht bei so viel Rücksichtnahme wohl auf der Verlierseite: Jenes, das wirkliche fundamentale Reformen wünscht. Über alle 19 Seiten hinweg gebe es ein Signal, sagt ein Kirchenmann im Vertrauen: Ganz so reformfreudig, wie manche erhofften, sei der Papst eben doch nicht.