Heiliger Vater,

unlängst wandten Sie sich per Brief an das "pilgernde Volk Gottes in Deutschland". Zu diesem Volk gehören, Sie schreiben es selbst, nicht nur Bischöfe und Kardinäle, nicht nur Priester und Diakone, sondern jeder, der sich heute noch dieser Kirche zugehörig fühlt. Kurz: Ihr Brief gilt auch mir. Und da man wichtige Post nicht unerwidert lassen sollte (schon gar nicht, wenn sie vom Papst stammt), bin ich so frei und beantworte sie an dieser Stelle.

Ich sage es offen: Ihr Brief treibt mich um. Zuerst machte er mich ratlos, dann machte er mich wütend. Doch der Reihe nach: Als sich das letzte Mal ein Papst per Brief an das Volk Gottes in Deutschland wandte, war ich noch nicht geboren. 50 Jahre ist das her. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch mal Post vom Heiligen Vater bekomme, dürfte also gering sein. Gleichwohl kommt Ihr Brief zum richtigen Zeitpunkt.

Bereits seit einiger Zeit frage ich mich, ob ich noch gerne katholisch bin, ja, ob ich überhaupt noch katholisch sein kann. Im vergangenen Jahr – vielleicht haben Sie ja mal einen Blick hineingeworfen – ergab eine von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene Studie, dass sexueller Missbrauch von Kindern durch Kleriker über Jahrzehnte in unserer Kirche geduldet und vertuscht wurde und zum Teil noch wird. Wie vielen Katholiken fällt es mir schwer, zu akzeptieren: Hier haben nicht nur Einzelne gefehlt, sondern dem Missbrauch lag ein Systemversagen zugrunde, an dem das ganze "pilgernde Volk Gottes", auch ich also, Anteil hatte.

Viele Katholiken wissen und spüren seitdem: Nichts ist mehr, wie es war. Unsere Kirche ist schuldig geworden. Sie muss sich selbst infrage stellen und verändern, will sie weiterhin für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit zu vertreten.

Auch viele Bischöfe in Deutschland sehen das mittlerweile genauso. Im vergangenen Herbst beschloss die Deutsche Bischofskonferenz etwa, sich mit dem ganzen "pilgernden Volk Gottes" auf den "synodalen Weg" zu machen. Wohin der Weg des Redens, Diskutierens und Ringens führt, sollte sich im Gehen erst erweisen. Denkverbote, so die Idee, dürfe es nicht geben.

Genau diese Offenheit und Unbestimmtheit war einigen Bischöfen kurz darauf bereits zu viel. Der Kernbestand des Katholischen, argumentieren sie in zunehmender Schärfe, muss unangetastet bleiben. Doch was genau zum Kern gehört und warum, können und wollen sie nicht sagen. Seit Monaten befehden sich liberale und konservative Bischöfe hinter den Kulissen. Bei Ihnen in Rom, Heiliger Vater, geht es, wie man hört, ähnlich drunter und drüber.

Den ungeweihten Rest des Gottesvolkes berühren Revierkämpfe dieser Art normalerweise peripher. Es mag Sie überraschen, Heiliger Vater, aber Bischöfe sind für die meisten Menschen nicht so wichtig. Man lebt sein kleines katholisches Leben ganz gut auch ohne sie – vorausgesetzt, man vertraut einander und lässt sich, von Ausnahmen abgesehen, in Frieden glauben und lieben.

Genau dieses Grundvertrauen jedoch wurde durch den Missbrauchsskandal erschüttert. Enttäuschte Laien neigen seitdem dazu, im Bischof zuerst den Vertuscher zu sehen und dann den Menschen. Konservative Bischöfe verwechseln ihrerseits gerne jedes offene Laienwort mit einem Generalangriff auf sich und die geliebte Tradition. Dabei sind wir, wie Sie richtig bemerken, alle zusammen das "pilgernde Volk Gottes", eine Gemeinschaft des geteilten Glaubens und der geteilten Schuld. Letzteres vergessen wir zunehmend.

Umso wichtiger wäre es, Heiliger Vater, dass Sie uns mal daran erinnern. Warum tun Sie es dann nicht?

Ich lese Ihren Brief. Er zermürbt mich: kein Wort zur Verantwortung.

Ich lese Ihren Brief. Er zermürbt mich: kein Wort über unsere Schuld, unsere Verantwortung, unseren Missbrauch. Dafür schreiben Sie über die "Erosion und den Verfall des Glaubens", als seien dafür ominöse andere verantwortlich, der "starke Rückgang der Geburtenzahl" etwa oder "die Überalterung der Gemeinden". Auch der "Zeitgeist" wird mal wieder herbeizitiert. Er bewirkt, suggerieren Sie, dass die Menschen der katholischen Wahrheit den Rücken kehren. Dabei kehren die Menschen nicht der Wahrheit den Rücken, sondern einer Institution, die, wie im Missbrauchsskandal offensichtlich wurde, diese Wahrheit verraten hat, es aber noch immer nicht zugeben kann ohne Relativierung. Vielleicht weil sie befürchtet, dass dann alles zusammenbricht, was noch Heimat und Obdach ist für das "pilgernde Volk Gottes".