Heiliger Vater, Sie äußern sich allgemein lobend über den synodalen Weg. Das freut mich. Der synodale Weg ist eine gute Sache im Prinzip, auch wenn viele ihn kleinreden und kleinmachen wollen. Setzt er doch das vielleicht naive Vertrauen voraus, dass wir als "pilgerndes Volk Gottes" zusammen schon einen Umgang finden mit unserer Schuld.

Nur warum versuchen Sie dem Weg bereits eine Richtung zu geben, bevor überhaupt jemand loslaufen konnte? Sehen Sie nicht, dass das dem Prinzip der Freiheit widerspricht, die den Aufbruch ausmacht und die er braucht, um nicht zur Karikatur zu werden?

Stattdessen belehren Sie alle, die sich auf den Weg machen wollen, dass eine Teilkirche sich nicht von der Weltkirche entfernen darf. Das klingt wie eine Drohung und soll es wohl auch sein. Warum haben Sie so wenig Vertrauen in den Heiligen Geist, der "Synodalität", wie Sie schreiben, zwingend benötigt und voraussetzt. Lassen Sie ihn doch mal machen, den Geist. Er weiß schon, was er tut. Außerdem, unter uns: Zu viel Mut ist in den letzten 500 Jahren doch noch nie das Problem des deutschen Katholizismus gewesen.

Sie behaupten: Der "Primat der Evangelisierung" müsse Ziel und Selbstzweck des Wegs sein. Nur so könne man "die Zukunft mit Hoffnung und Vertrauen in den Blick nehmen". Doch wie kann eine "Evangelisierung", frage ich mich da, in Deutschland oder anderswo gelingen, wenn sie blind ist für das eigene Versagen in der Vergangenheit? Auf 19 Seiten lassen Sie sich über den synodalen Weg aus, ohne einmal die Missbrauchsstudie auch nur zu erwähnen, die am Anfang des Wegs steht. Damit nehmen Sie dem synodalen Weg nicht nur die Geschichte, Sie enttäuschen auch das letzte Vertrauen, das viele im "pilgernden Volk Gottes" in den Weg und in Sie noch setzen.

Aber geht es Ihnen überhaupt um uns, das Volk? Man merkt: Sie kennen die Debattenlage in der Deutschen Bischofskonferenz so genau, als hätte ein Deutscher (bitte richten Sie Walter Kasper Grüße aus!) Ihre päpstliche Feder geführt. Geschickt manövrieren Sie zwischen den deutschen Lagern hindurch: Sie loben den Münchner Kardinal Reinhard Marx, ohne ihn beim Namen zu nennen, für seinen Mut zur Synodalität und nehmen gleichzeitig die Argumente seines Kölner Kontrahenten Rainer Maria Woelki auf. Letzterer hätte es am liebsten, der Weg wäre möglichst schnell und folgenlos zu Ende.

Jedes Lager in der Bischofskonferenz wird gestreichelt, von den jungen Liberalen um den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer einmal abgesehen. Die bekommen eins auf den Deckel, weil sie mehr Freiheit für die deutsche Teilkirche wollen und Sie als Papst nun mal nicht.

Nach so viel Schmeichelei bringen Sie das Widerstrebende und nicht zu Vereinbarende unter einem schönen neuen Hut zusammen: den der Evangelisierung. Dass der Hut in Wahrheit durch mehrfachen Verbalgebrauch ihrer Vorgänger bereits reichlich abgegriffen ist und konkret noch nicht mal passt – schließlich sollte es doch beim synodalen Weg um Klerikalismus, Machtmissbrauch und Strukturreformen gehen –, stört nicht weiter, wenn man sich den Kopf nicht genauer ansieht. Der Kopf muss halt zum Hut passen. Und wie der Kopf zu sein hat, bestimmen Sie in diesem Brief – etwas zumindest.

Denn richtig durchgreifen wollen Sie mit der Intervention auch nicht, eher es möglichst vielen ein bisschen recht machen. Deshalb fühlen sich die Konservativen um den Kölner Kardinal Woelki auch genauso bestärkt wie die Moderaten um Reinhard Kardinal Marx.

Je nach persönlicher Einstellung kann man das diplomatisch geschickt finden, perfide, überflüssig oder schlicht führungsschwach. Ich persönlich gebe zu: Als sehr kleiner Teil des "pilgernden Volkes Gottes" hätte ich mir mehr Selbstzweifel, mehr Schuldbewusstsein, mehr Vertrauen, mehr Liebe, mehr Hoffnung und mehr Glaube von Ihnen gewünscht, Heiliger Vater. Ihr Brief ist so viel kleiner, als Sie sind oder sein müssten in dieser schwierigen Zeit.

Ich weiß, es muss schmerzlich sein für Sie, das von einem Normalo-Katholiken zu hören. Ich nehme an, dass Sie deshalb Briefe dieser Art weder lesen noch beantworten. Seien Sie dennoch gewiss: Einen solchen Brief zu schreiben ist genauso schmerzhaft. Mindestens.

Hochachtungsvoll, Ihr Raoul Löbbert